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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Lebensuntüchtige Figuren unaufgeregt in Szene gesetzt

25.03.2019

Wilhelmshaven In den besten Momenten dieser Aufführung passiert viel, aber es geschieht nichts. Dazu muss man wissen, dass Anton Tschechow in seinem letzten Stück „Der Kirschgarten“ das Gefühl einer untergehenden, meist nichtsnutzigen, labernden russischen Gesellschaft um das Jahr 1900 einfängt – und einer Gemeinschaft, in der keiner dem anderen richtig zuhört.

Sascha Bunge hat Tschechows tragikomischen Klassiker an der Landesbühne Nord in Wilhelmshaven in Szene gesetzt. Bunge hat das unaufgeregt getan. Er nutzt die frische Übersetzung von Thomas Brasch, und er verzichtet wohltuend auf angestrengte Regie-Einfälle, sieht man von einem Rednerpult mit dem Namen BCE (russisch: alle) und einer kleinen Bonbonwerferei ab.

Die karge Bühne von Constanze Fischbeck füllen anfangs etliche ältliche Stühle, bunt gewürfelt. Hinten ist eine Art Leinwand, die mit Projektionen von Ferienhäuschen oder Menschenmassen bedient wird. Sie verwandelt sich in fast zweieinhalb Stunden zum knallroten Vorhang (Achtung Symbol!) und schiebt sich bedrohlich nach vorn – es wird eng für die lebensuntüchtigen Figuren.

Die Gutsbesitzerin ist auf das verschuldete russische Gut zurückgekehrt, das von einem Kirschgarten umgeben ist. Das Anwesen kommt untern Hammer, die Bäume wird man abholzen – was keiner wahrhaben will. Eine Rettung könnte einzig der ehemalige Leibeigene der Familie, der Kaufmann Lopachin, bedeuten, der zu Vermögen gekommen ist. Ein schrecklich vernünftiger Aom Flury redet sich den Mund fusselig, schlägt vor, Datschen auf dem Grundstück zu errichten.

Doch es geschieht, was eben bei Tschechow geschieht: Keiner hört dem anderen zu. Heike Clauss, die die Lebefrau und Gutsbesitzerin spielt, wendet sich lächelnd ab und überlegt, wieder nach Paris zu fahren. Alles bleibt, wie es ist. Sonst wäre es ja auch kein Tschechow-Drama.

Für manche der zehn Rollen hätte man sich mehr poetische Zwischentöne gewünscht. Etwa für den stoischen Diener Firs (Helmut Rühl), den die Regie zu fit und viel zu wenig melancholisch auftreten lässt. Gutsbesitzerin Ranjewskaja spielt die Verzweifelte zu glatt, zu aufgesetzt, nicht innerlich gebrochen genug. Sven Heiß ist der Tollpatsch Pischtschik – aber mehr als ein paar Stolperer hätten es sein dürfen.

Überzeugend ist Wirbelwind Anja, die jüngste, oft fröhlich hopsende Tochter (Caroline Wybranietz), putzig das Zimmermädchen (Franziska Kleinert). Wie üblich bei Tschechow möchte man die Figuren schütteln und belehren: Werdet vernünftig! Besinnt euch! Und wie üblich werden sie weder vernünftig noch kommen sie zur Besinnung. Diese Stimmung grundsätzlich eingefangen zu haben ist das Verdienst des Abends. Viel Beifall.


Alle NWZ-Kritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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