WITTMUND - „Rauben, saufen, massakrieren“, grölen die Räuber im Wald und lassen die Humpen kreisen. „Nimmst du dich da nicht in Acht, wird aus dir Kompott gemacht.“
Das Hartz-IV-Prekariat der Märchenwelt ist voll in seinem Element und die Räubermutter sagt: „Man muss Kinder so richtig verwöhnen. Nur so werden richtige Räuber aus ihnen.“ So kriegt die Räubertochter nicht nur das Rentier aus Lappland zum Spielen, sondern darf auch die kleine Gerda mit der Messerspitze kitzeln.
Die gesellschaftskritisch-unheimliche Szene im Wald ist wohl mit die stärkste im diesjährigen Weihnachtsmärchen der Landesbühne Nord Wilhelmshaven, das am Dienstag im Schulzentrum Brandenburger Straße in Wittmund seine Premiere erlebte. Diesmal lässt Regisseurin Natascha Kalmbach die „Schneekönigin“ von Hans Christian Andersens auf das junge Publikum los, doch so richtig Frostgefühle kommen nicht auf.
Entführter Freund
Der Inszenierung fehlen insgesamt die Kontraste. Kalmbach macht in Disneyscher Manier ein sprechendes Krähenpaar und ein Klavier spielendes, lustig trappelndes Rentier namens Hugo (Pascal Simon Grote) zu tragenden Figuren dieser klassischen Reise der Heldin auf der Suche nach ihrem von der Schneekönigin entführten Freund. Alessandro Nania Pachino verdient als herrlich flatterhafte Waldkrähe mit niedlichem Sprachfehler herausragenden Applaus.
Den komischen Figuren steht jedoch – mit Ausnahme der Räuber-Proleten – kein unheimlicher unterkühlter Gegenpart entgegen. Die Schneekönigin – Annette Lober, im weißen Reifrock an sich schon eher komisch – wirkt blass und wenig zum Fürchten. Dass sie dem kleinen Kay ihren eisigen Willen aufgezwungen hat, lässt die Kinder offenbar wenig frösteln. So radeln Gerda (Aida-Ira El Eslambouly) und Rentier Hugo fröhlich trällernd zum Garten des Eispalastes. Dabei geht es nach Andersen und der klassischen Märchenkonstruktion um Leben und Tod.
Einkaufsgutschein
Weder die mäßig tapfer wirkende Gerda, noch der verblendete Kay (Jeffrey von Laun) können in diesem flauen Schrecken ihre Größe beweisen – und damit erwachsen werden.
Konsequenterweise sind es in der Landesbühnen-Fassung nicht Nachbarskinder, die erwachsen und ein Paar werden könnten, sondern Geschwister, die zurück zur Oma wollen, um auf den Weihnachtsmann zu warten.
Und auf Rudolf Ren, den Sohn von Hugo – eine Anspielung, die die Kinder gar nicht verstehen. Und das alles am 2. November. „Mach sie kalt“, möchte man dieser Schneekönigin stattdessen zurufen und ihr einen Einkaufsgutschein der Firma bofrost schenken.
