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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wo Rufe ungehört verhallen

14.01.2010

OLDENBURG /BERLIN Endlich, endlich haben wir wieder ein lange anhaltendes Reizthema!

Man überlegt, wie frühere Zeiten ohne grundsätzliche Kontroversen ausgekommen sein mögen, ohne Auseinandersetzungen, denen die Fähigkeit innewohnte, alte Freundschaften zu zerstören, Paare zu trennen, höfliche Umgangsformen zu vergessen.

Ja, die gesamte Gesellschaft zerfällt, fast wie bei einem Fußballspiel der Bundesliga, in Parteien, und, noch unheimlicher: Öffentlich wagt keiner zu sagen, was er zu raketenähnlichen, zum Abheben in den Weltraum errichteten Gebäuden denkt. Sich sein kritisches Teil natürlich.

Aber gemach, wir stehen erst am Anfang einer mit Dynamit geladenen Debatte über die Türme, die nun keineswegs Türme des Schweigens wie jene der Parsen in Indien sind. Im Gegenteil. Ich weiß auch nicht, ob der alltäglich gewohnte Lärm des Straßenverkehrs durch einen Muezzin gestört oder bereichert wird oder überhaupt nicht mehr auffällt.

Es existiert ja in Deutschland ein Lärmschutzgesetz, das, wie leider viele Gesetze, gar nicht beachtet wird. Ich erinnere mich an den Versuch des Schriftstellers Uwe Johnson (1934–1984), in seiner Straße das Glockenläuten einer Kirche verbieten zu lassen, weil es ihn beim Schreiben störe. Natürlich ist dieser Versuch, Stille einkehren zu lassen, misslungen.

Ich schlug ihm damals Ohropax vor, doch Johnson – jeder, der ihn kannte, wusste es – war ein unnachgiebiger Kämpfer für sein von ihm vermutetes Recht.

Und weiterhin erinnere ich mich, bei einer langen Autoreise durch Marokko die Rufe der Muezzins in der Einsamkeit und Verlorenheit einer wüstenartigen Landschaft als bezaubernd empfunden zu haben. Da rief eine melodische Stimme wie aus dem Nichts mir Unverständliches zu, was mir immerhin das Gefühl des Nichtalleinseins vermittelte. Freilich leben wir nur in der Wüste unserer Ablagerungen, wo gewöhnlich alle Rufe, Hilferufe, Mahnrufe, selbst die lautesten Appelle an die Vernunft im unmelodiösen Getöse der Stadt untergehen.

Auch wenn wir die Zukunft nicht kennen können, ahnen wir doch, dass uns die Frage gestellt wird: Wie hältst du es mit den Minaretten? Mit den Midinetten (gibt es die eigentlich noch?) würde ich es schamlos halten, doch die Fragen des Glaubens, des nicht immer guten Glaubens, bergen Sprengstoff. Würde man in einer mehrheitlich von Moslems bewohnten Gegend hausen, würde man sich hüten, diese Röhren, von denen ich mir nicht vorstellen kann, wie man sich in ihnen emporwindet, zu kritisieren. Was immerhin unbestreitbar ist: Sie sind Wahrzeichen einer Religion, deren Expansionskraft unserer eigenen vor 1000 Jahren glich. Überall in den deutschen Landen, bis weit in die slawischen Gebiete hinein, errichteten wir mehr oder minder ansehnliche Kirchen, um Gemeinschaften zu bilden und zu beherrschen, nicht nur Gott zuliebe oder dem eigenen Seelenheil.

Die Ecclesia triumphans ist auch stets eine weltliche Macht, gar Gewalt gewesen. Was wundern wir uns da, dass jetzt wir, die mediengläubigen Heiden, die Anbeter des goldenen Kalbes, zu Gott zurückgeführt werden sollen – mit allen Konsequenzen. (Ich hoffe, dass jedenfalls Bauchtanz erlaubt sein wird!)

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