• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wo sind all die Kinder hin?

04.11.2016

Bonn Mit Hilfe alter Dias kann man die Kinder, die früher in der Sonne am Strand spielten oder im Wasser planschten, noch als Schemen heraufbeschwören. In Wirklichkeit aber existieren sie im Ort Windhom schon seit mehr als 15 Jahren nicht mehr. Mitte der 1990er Jahre geschah etwas, für das die Wissenschaft nie eine Erklärung fand: Die Flut blieb aus, das Meerwasser zog sich in einem weiten Halbkreis von der Küste zurück, und mit dem Wasser verschwanden die Kinder des Ortes.

Zurück blieben ratlose Dorfbewohner, die vergeblich nach den Vermissten Ausschau hielten und sich nie ganz von der Trauer um die Kinder erholten. Ein im Dornröschenschlaf vor sich hin verfallender Ort, eine vom Militär abgeriegelte Zone, in die ab und an Wissenschaftler einfallen, um herauszufinden, was es mit der Gravitationsanomalie auf sich hat, die die Gezeiten vor Windholm zum Erliegen gebracht hat.

Die Prämisse, auf der Sebastian Hilger seinen Mystery-Science- Fiction-Film „Wir sind die Flut“ (ab 10. November im Kino) aufbaut, mag wissenschaftlich absurd sein, birgt aber jede Menge atmosphärisches Kapital, das der junge Regisseur meisterlich zu nutzen versteht.

Die weite Wattlandschaft unter wolkenverhangenem Himmel und das abgeriegelte und wie in der Zeit verlorene Dorf mit seinen vernachlässigten Häusern, an dessen Rändern die Natur nagt, werden von der Kamera durch weite Totalen und ungewöhnliche Perspektiven kontinuierlich zu wichtigen Protagonisten aufgebaut und von der Filmmusik mit melancholisch-geheimnisvoller Tiefe aufgeladen.

„Wir sind die Flut“ ist ein Film der Räume, und diese oszillieren im Lauf der Handlung immer mehr vom handfest Materiellen ins Metaphorische, ohne dabei ihre Sinnlichkeit einzubüßen. Im Zentrum stehen zwei junge Wissenschaftler, die in diesen Räumen nach Antworten suchen: Micha ist ein angehender Physiker, der wegen eines Forschungsprojektes nach Windholm kommt. Sein Fachbereich hat dies zwar nicht bewilligt, doch er will das Experiment auf eigene Faust trotzdem durchziehen. Begleitet wird er von Jana, einer ehemaligen Kommilitonin und Tochter seines Professors, mit der ihn eine verfahrene Beziehungsgeschichte verbindet.

In Windholm empfangen die Dorfbewohner die Fremden alles andere als mit offenen Armen. Nichtsdestotrotz - und obwohl die Konflikte zwischen den beiden jungen Forschern bald hochkochen - sind beide entschlossen, der Anomalie auf den Grund zu gehen. Messungen im Watt genügen dazu allerdings nicht; die Lösung des Rätsels ist mit den Menschen des Ortes verbunden.

Der visuell beeindruckende Film balanciert geschickt zwischen Science-Fiction-Spekulationen um Gravitation und dunkle Materie und dem Märchenhaftem. Aber auch existenziell Menschliches spielt eine wichtige Rolle: etwa das Leiden an einem schrecklichen Verlust und die Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit und danach, aufgehoben zu sein in etwas, was ewig und beständig ist.

Die Schauspieler, die den seelischen Ballast der Figuren sichtbar machen, leisten dazu ebenso ihren Beitrag wie die atmosphärische Bildsprache, die den Ort und die Meeresküste als Grenzregionen mit transzendentalen Sinn auflädt: als Zwischenwelt zwischen Leben und Tod, Vergänglichem und Ewigem.

Innerhalb der rund 80 Minuten Laufzeit gelingt es dem Film, bei dem Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg und der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf im Rahmen ihrer Diplomarbeiten kooperierten, aus einer kleinen Genregeschichte ein eindrucksvolles, nachdenkliches Kinoerlebnis zu machen.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.