Esenshamm - Hinter Bergen von Pantoffeln und Turnschuhen, Gummistiefeln und Slippern steht ein Zwerg mit Kekskrümeln am Mund. Und noch einer. Zwei? Drei! Nein: vier... „Hallo“, sagt einer, der schon über die Klinke der Haustür reicht. Das ist Tiado.
„Und das sind Theis und Tinus, da ist Anneke und die hier ist Nienke“, sagt die Mama und schubst ihre neugierigen Wichtel vorbei an der überladenen Gardrobe zurück ins Wohnzimmer. „Thede und Tammo sind unterwegs. Und Caroline studiert in einer anderen Stadt“, sagt sie und macht einen Zwischenstopp am Babykorb: Nienke ablegen. Sieben Monate – das Jüngste von Michaela Schwartings acht Kindern. „Irgendwie ist immer noch eines dazu gekommen“, sagt sie und putzt ihrem Zweijährigen ein bisschen Schnodder von der Stupsnase.
So richtig geplant war das nicht: „Wer Kinder plant, kann es auch ganz sein lassen“, sagt die achtfache Mutter. Gewünscht hat sie sich eine große Familie schon – bereits lange, bevor Caroline vor 18 Jahren zur Welt gekommen ist. Muttertage feiert sie für sich 365 mal im Jahr. Dass der Ältesten ein Bruder folgen sollte, war klar. Weil ein Junge nicht reicht, kam bald ein weiterer dazu. Danach ein Mädchen. Und dann?
„Hab’ ich gearbeitet. Vollzeit“, sagt Michaela Schwarting. Weil sie ja nach der Ausbildung zur Chemielaborantin gleich schwanger geworden ist und auch mal Berufserfahrung sammeln wollte. Aber das große Haus war erst halb voll. Nach vier Jahren kam Tiado dazu. Und Theis und Tinus. „Und dann wollte ich noch ein Mädchen“, sagt Michaela Schwarting und hebt Nienke aus ihrer Wiege.
Von jedem der acht Wunschkinder baumelt ein Lebkuchenherz mit Geburtsdatum und Namen vom Wohnzimmerregal, in dem sich Brettspiele, Harry Potter-Bände und kistenweise Legosteine gegenseitig den Platz klauen. Ziemlich gerecht verteilt sind in der Großfamilie nicht nur die Geschlechter: Die kleinen Jungs besiedeln immer zu zweit ein Spielzimmer – Ältere haben Anrecht auf ein alleiniges Reich. Wer wächst, rückt nach. Der Zapfenstreich für die Großen richten sich nach dem Jugendschutzgesetz. Ausnahmen kriegen alle. Ab und zu. Schlickerkram liegt in der Süßigkeitenschublade.
Genauso kostbar: die Taschengeldtabelle – verwahrt im Dielenschrank, der sich unter etlichen Rollen Bastelpapier und Türmen von Malkästen biegt. Tiado angelt sich einen Doppelkeks und fischt einen Computerausdruck hervor: „Ich krieg’ einsfünfzig die Woche“, sagt der Neunjährige. Mit zehn gibt es zwei Euro. Ab zwölf kriegen die Schwarting-Sprösslinge Monatsgehälter. „Andere aus der Klasse haben dreimal so viel“, sagt Anneke.
Perfekte Planung
Manchmal findet die 14-Jährige das unfair. Genervt ist sie hin und wieder im Urlaub „wenn alle auf einem Haufen sitzen.“ Dieses Jahr verreist sie ohne Familienanhang – Mittelmeer statt Nordsee. Neidisch sind eher die Freundinnen aus der Schule: „Manche wollen dauernd bei uns Mittagessen, weil es immer so lustig ist“, sagt Anneke. Dank des praktischen Thermomixers macht es für ihre Mutter wenig Unterschied, mit wie vielen Litern Eintopf, Bolognesesoße oder Vanillepudding sie am Ende ein Kind mehr oder weniger satt kriegt.
Wer Michaela Schwarting stressen will, muss früh aufstehen: Ihr Tag beginnt gegen sechs Uhr morgens – wenn der Schichtbetrieb im Badezimmer gerade im vollen Gang ist: Maximal zehn Minuten hat jeder. Wenn sich der zweitälteste Sohn die Haare föhnt, steht seine Mutter auf, stillt das Baby, bringt ihrem Zweijährigen sein Fläschchen mit Frühstücksmilch ans Bett, kippt Cornflakes und Müsli in Schälchen, schmiert Pausenbrote, schnippelt Äpfel und Möhren in kindermundgerechte Stücke, prüft, ob auch keiner in Sandalen durch den Frühjahrsregen seiner Wege stapfen will, blickt zur Uhr, mahnt zur Eile. Eine Wagenladung voll Kinder befördert ihr Mann dann in die Stadt. Der Rest nimmt den Bus oder steigt aufs Rad.
Dann wird es ruhiger, dann frühstücken die Eltern, räumen Brotkrümel und Kakaobecher weg und besprechen, wer wann wo sein muss: Fußball, Tanzen, Tennis, Babyschwimmen, Geburtstagseinladung – „wir synchronisieren die Fahrten, wenn man alles gut durchplant, lassen sich die Termine verbinden,“ sagt Michaela Schwarting. Manchmal helfen Oma und Opa aus. Nach der Elternzeit, wenn sie wieder arbeiten gehen will, unterstützt eine Tagesmutter. „Und die Großen erziehen die Kleinen mit. Im Haushalt macht jeder, was er kann“, sagt die achtfache Mutter. Turbulent wird es erst, wenn einer alle anderen mit Magen-Darm-Grippe ansteckt – oder Läuse hat. Einmal ist das passiert. Den Jungs wurde damals ein kollektiver Kahlschnitt verordnet.
„Mit der Zeit, von Kind zu Kind, wird man gelassener“, sagt eine, die drei bis vier Maschinen voll Wäsche pro Tag anschmeißt, Stadtelternratsvorsitzende und Mitglied im städtischen Bildungsausschuss ist, sich mit Volleyball und Aqua-Gymnastik fit hält – die sich zum Muttertag wünscht, dass alle zufrieden sind und sich am meisten auf das gemeinsame Frühstück freut.
„Jetzt ist auch mal gut“, hat ihre eigene Mutter gesagt, als immer noch ein Zwerg zur Riesenfamilie gestoßen ist. Alles Wunschkinder. „Aber das ist nun definitiv das letzte gewesen. Jetzt ist alles vollzählig“, sagt die Esenshammerin und zieht Nienke eine Mütze über den Haarflaum: Papa ist da – es geht zum Babyschwimmen, die kleinen Jungs werden in der Eisdiele abgesetzt. Die älteren radeln zum Fußballtraining. Es wird wird ruhig in dem großen Haus.
Hinter Bergen von Pantoffeln und Turnschuhen, Gummistiefeln und Slippern bleibt Michaela Schwarting zurück. Was wird, wenn alle acht Kinder groß sind und fortgehen, weiß die achtfache Mutter schon: „Dann kommen die Enkel.
