Oldenburg - Wolf Biermann hat die deutsch-deutsche Geschichte geprägt wie kaum ein anderer. Die Ausbürgerung des regimekritischen Liedermachers vor 40 Jahren läutete das Ende der DDR ein. Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 15. November legt der wortmächtige Poet und aufmüpfige Widerständler jetzt seine Lebenserinnerungen vor – wie kann’s anders sein, unter einem seiner Liedtitel: „Warte nicht auf bessre Zeiten“.

Die satten 500 Seiten sind kein Enthüllungsbuch, das neue Einblicke in die Zermürbungs- und Bespitzelungsmaschinerie der Stasi gibt. Aber die zahllosen verrückten Geschichten, die kleinen unglaublichen Vorfälle und die großen traumatischen Brüche fügen sich zu einem Bild, das die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts spiegelt.

Vor allem wird deutlich, warum der kleine Junge aus dem Hamburger Hinterhof sich so furchtlos mit den Mächtigen in der DDR anlegte. Der jüdische Vater, ein überzeugter Kommunist, war 1943 im KZ Auschwitz ermordet worden – der Sohn war noch keine sieben. „Das hat mich geprägt und verpflichtet“, sagt Biermann. „Es hat mir aber auch die Kraft und den Mut gegeben, mich mit den mächtigen Schweinehunden in der DDR auf Streit einzulassen.“

Die Mutter Emma schickt den 16-Jährigen nach Gadebusch aufs DDR-Internat. Er soll den Vater rächen, indem er im jungen Arbeiter- und Bauernstaat dessen Wunschtraum vom wahren Sozialismus mit aufbaut. Doch nach einer Assistenz am Theater seines großen Vorbilds Bertolt Brecht eckt er mit ersten Liedern an, 1965 bekommt er Totalverbot. „Ohne meinen uralten Kinderglauben an den Kommunismus wäre ich im Krieg gegen diese Altmänner-Diktatur zusammengebrochen“, schreibt Biermann.

Als er am 13. November 1976 ein viereinhalbstündiges Konzert in Köln gibt, wird drei Tage später seine Ausbürgerung verkündet: Er habe bei dem Konzert die DDR verleumdet und verraten. „Ich war wie in die Tonne getreten“, notiert er.

Biermann erzählt das mit unendlicher Liebe zum Detail in seiner bildreichen, gedrechselten Sprache – gnadenlos subjektiv, bisweilen eitel und oft vergnüglich. Keineswegs ausgespart sind die Liebschaften, die ihm insgesamt sieben Söhne und drei Töchter beschert haben.