Oldenburg - Tierfabeln gestalten sich im Kindertheater manchmal etwas heikel. Oft geht es darin ums Fressen und Gefressenwerden – nicht immer appetitlich. Doch in der jüngsten Premiere des Oldenburgischen Staatstheaters lernt man den Wolf als verhinderten Schafsbock kennen – und lieben.
„Die besseren Wälder“ heißt diese menschliche Tiergeschichte von Martin Baltscheit, und sie erzählt das Märchen vom Wolf im Schafspelz in einer durchweg angeschrägten Form. Die kam zur Premiere in der Exerzierhalle des Staatstheaters ausgesprochen gut an.
Wie Romeo und Julia
Die verfeindeten Tier-Gesellschaften tauchen darin in völlig menschlicher Gestalt auf: Wer Wolf ist, trägt schwärzliches Gelump, und wer zum Schaf gemacht wurde reines Unschulds-Weiß. Regisseur Ingo Putz setzt quasi auf die Kraft des Menschlichen, wohl wissend, dass damit genau jene Effekte von Verfeindung und Abgrenzung einhergehen, wie sie seit der Tragödie von Romeo und Julia zu beklagen sind.
Ein junger Wolf gerät hier als Findelkind in die Arme einer Schafsfamilie. Seine Eltern verlor er auf der Suche nach einer besseren Welt. Und dies ist nicht die einzige Ähnlichkeit zur aktuellen Menschenwelt, die sich in dieser gedankenreichen Inszenierung einstellt.
So durchläuft Johannes Lange, der den Wolf als gutherzigen Hipster spielt, eine komplette Sozialisation. Sogar zur E-Gitarre muss er greifen, um gegen die Doktrin der Schafe zu protestieren: „Wir bleiben nicht immer hinter unserem Zaun!“
Ein Ausbruch mit der Schaf-Freundin Melanie (Anna-Lena Hitzfeld) gelingt schließlich durch beherztes Überklettern einer mächtigen Barriere. Dahinter weht die Luft der Freiheit – bis wiederum die echten Wölfe kommen...
Auch die übrigen tierischen Passanten sind oft inkognito unterwegs. In jeder Gestalt schlummert hier ein zweites Ich. Die Gans von Maximiliane Hass wagt den Rollenwechsel hin zum Fuchs – und Matthias Kleinert hat die stärksten Lacher auf seiner Seite, wenn er so tut, als wäre er ein Bär, der eine Biene spielt.
Auch mal deftig
Leon Hoge verkörpert die Gefährlichkeit der Wölfe durch eine mitgebrachte Handsäge. Zusammengehalten werden diese schwungvolle Verfremdungen durch die These: „Es kommt nicht darauf an, wer du bist – sondern wohin du gehst.“
Bisweilen bricht der anarchistische Humor des Ensembles in ziemlich wilden Bahnen aus. Nicht nur überwältigende Bilder mit rotem Nebeldampf und Rock-Musik erlebt man dann, auch einige deftige Obszönitäten sind dabei. Dieser Abend will eben nicht niedlich sein, er bürstet vielerlei gegen den Strich. Vor allem die Ideologie, dass ein jeder auf seiner kleinen Weide bleiben sollte.
Starker Applaus zeigte, dass Botschaft und Form bestens ankamen.
