Oldenburg - Musik und Literatur auf einer Bühne, zur selben Zeit, am selben Ort? Doch, das geht – das beweist die Konzertreihe „Sturm & Klang“ in der Kulturetage seit mehreren Jahren. Vor allem jungen Künstlern wird hier Platz zur (Selbst-) Darstellung geboten – ganz wie einst, im 18. Jahrhundert, beim „Sturm & Drang“.
Auch wenn man es vermuten könnte – Andreas Holtz, Musikchef der Kulturetage, ist bei allem „Sturm & Klang“ nicht so vermessen, einen neuen (jungen) Goethe, Schiller, Herder oder Lenz zu präsentieren. Von denen ist schließlich auch nicht überliefert, sie hätten E-Gitarre gespielt. Doch es gibt andere Dinge, die die jungen Reim-und-Sing-Helden von heute mit denen von damals verbindet. Machtvolle Sprache, Freiheitsliebe, Innerlichkeit – diese und ähnliche Stärken einen die Künstler über die Jahrhunderte hinweg.
Man sehe und höre sich nur einmal den Auftakt der „Sturm & Klang“-Akteure an … wenn man kann. Denn das Damen(!)-Duo „Boy“ ist längst so bekannt und beliebt, dass die Karten fürs Konzert am 2. September seit Wochen vergriffen sind. Valeska Steiner und Sonja Glass sind zurzeit eben schwer angesagt, Karten für ihre Herbsttour sind bundesweit zur raren Ware geworden. Oldenburg kann sich immerhin glücklich schätzen, „Boy“ für gleich drei Tage zu beherbergen: Die deutsch-schweizerische Band startet hier nicht nur ihre Tournee, sie absolviert auch ihre letzten Proben. Wer kein Ticket mehr ergattert hat, kann sich wenigstens mit dem Satz „Sie waren hier“ trösten. So heißt nämlich das neue Album von „Boy“: „We were here“.
Diesem stürmisch klingenden Auftakt folgt ein Konzert, dass den Niveaupegel gleich hoch hält: Am 20. September reimen die Stuttgarter Rapper „Die Orsons“, was der Duden hergibt. Und darüber hinaus, denn das Quartett setzt sich als gutes Popkunstwerk keinerlei Schranken. Die Orsons dürften sich vielmehr als Brüder im Geiste sehen mit dem Duo „Zugezogen Maskulin“, das am 22. Oktober die Kulturetage mit rauen Klängen und Texten unsicher machen will.
Es folgen ein „Sturm & Klang“-Termin, für den das „Ausverkauft“-Schild schon bereitliegt, und ein zweiter, der bereits proppevoll ist. Tina Dico (23. Oktober) ist auf ihrer Solo-Akustik-Tournee genauso stark nachgefragt wie der junge Pop-Chansonnier Joris (24. Oktober). Für noch kartenlose Fans von Fräulein Dico gilt mithin das Motto der Joris-Tour: „Hoffnungslos hoffnungsvoll“.
Den Abschluss des „Sturm & Klang“-Jahres 2015 bilden zwei ganz unterschiedliche Künstlertypen: Am 5. November stellen sich die Belgier von Balthazar erstmals mit ihrem melodiösen Independent-Pop in Oldenburg vor, und am 6. November zeigt Brachial-Komiker Heinz Strunk, dass er auch ohne die legendäre Band Fraktus rocken kann – allein mit herrlich verqueren Texten, einem Akkordeon und zwei Querflöten. Wenn einer stürmt und gleichzeitig klingt, dann Heinz Strunk.
