Oldenburg - Carnegie Hall in Chicago, Opryland in Nashville – in den USA öffnen die berühmtesten Konzerthallen bereitwillig ihre Pforten, wenn Bluegrass-Musik gespielt werden soll. Das ist verständlich, ist doch schließlich diese Variante des Country die wahrscheinlich amerikanischste aller dortigen Musikstile. In Europa, zumal in Deutschland, tut man sich schwerer mit Bluegrass – und trotzdem haben es Banjo, Fiddle und Gitarre auch hier in einen großen Musentempel geschafft: Das Oldenburgische Staatstheater war seit Mai 2007 Konzertsaal für berühmte Bluegrass-Musiker.
Finanzielle Hürden
Das ist nun Vergangenheit – und das bedauert niemand mehr als Klaus Grotelüschen. Der künstlerische Leiter der vom Staatstheater veranstalteten Reihe „Bluegrass Music im Großen Haus“ ist Ausrichter, Werbetrommler und Fan dieser Musik gleichermaßen. Doch sein jahrelanges Engagement für Bluegrass im konzertanten Umfeld endete Ende Oktober mit dem Auftritt der US-Band Blue Highway (die NWZ berichtete). Die Idee, dem Bluegrass einen würdigen Rahmen zu verschaffen, scheiterte an finanziellen Hürden.
Die bundesweit vielleicht einzigartige Verbindung von qualitativ hochwertiger Musik und klassischem Theatersaal nahm ihren Anfang, als Neusüdende an sein Ende anlangte. Jahrzehntelang dachten viele Musikfans bei der Erwähnung dieses ammerländischen Ortes an der Grenze zu Oldenburg nämlich an das traditionsreiche Country-Festival. Grotelüschen zeichnete 22 Jahre lang verantwortlich für die zweitägige Sause mit Live-Konzerten im Dorfkrug, Plattenbörse und Campingzelten. Dann, 2006, sah er das Festivalkonzept am Ende: Zu viel Bier, zu wenig ehrliches Interesse an den von weither angereisten Bands. „Ich will ein würdiges Umfeld für diese wunderbare Musik haben“, war sein Ziel.
Da kam Peter A. Reimers gerade recht. Der ehemalige Vorsitzende des Kunstvereins, selbst passionierter Countrymusik-Liebhaber und Grotelüschens langjähriger Freund, knüpfte Beziehungen zum Staatstheater und dessen Generalintendant Markus Müller.
Premiere im Mai 2007
Der war bald überzeugt von Grotelüschen und Reimers und zugleich fasziniert von dem Gedanken, am Theaterwall könne so etwas wie Deutschlands Mekka der Bluegrass-Musik entstehen. Da Reimers zudem Sponsoren für die Konzerte mitbrachte und Grotelüschens Kontakte ein volles Großes Haus garantieren müssten, stieg das Staatstheater als Veranstalter ein. Am 6. Mai 2007 zelebrierte die Claire Lynch Band erstmals einen Abend mit „Music from the heart of America“.
Auch wenn die Premiere nicht ausverkauft war, blieben die Macher doch mutig. „Es war eine ganz andere Atmosphäre als bei den Festivals“, blickt Grotelüschen zurück. „Die Zuschauer, im Schnitt zunächst um die 450, waren begeistert, und auch die Künstler fühlten sich wohl bei uns, schwärmten von dem einzigartigen Konzerthaus. In den USA wurde darüber in Fachblättern geschrieben.“ Mit diesem positiven Echo im Rücken und der Gewissheit von Sponsorzusagen auch für die nächsten Jahre machte sich Grotelüschen daran, weitere Berühmtheiten des Blue-grass nach Oldenburg zu lotsen: Don Rigsby & Midnight Call (2008) sowie Laurie Lewis & The Right Hands (2009) sorgten mit ihren Auftritten für großes Aufsehen nicht nur in Deutschland. „Die Gruppen kamen zum Teil nur für ein einziges Konzert aus den USA zu uns“, erzählt Grotelüschen.
Solch Exklusivität kostet natürlich Geld, und das wurde weniger, als die finanzielle Unterstützung für die musikalisch hochstehende Konzertreihe spärlicher wurde. Zumal die Zuschauerzahlen bei den Gibson Brothers (2010), The Grascals (2011) und eben Blue Highway (2012) nicht immer den Erwartungen entsprachen. Auch das Staatstheater vermochte die Lücken nicht mehr zu schließen – der letzte Ton Bluegrass-Musik verklang in diesem Herbst.
Perle im Kulturbetrieb
Grotelüschen und Reimers blicken wehmütig auf diese Perle im deutschen Kulturbetrieb zurück. „Es waren sechs stolze Jahre“, findet Reimers. „Die Musik war von hoher Qualität, die Bands spielten hier in Originalbesetzung. Wir hatten etwas Besonderes aufgebaut, aus reiner Liebe und Spaß zu dieser Musik.“ Und auch Grotelüschen muss beim Entschluss, die Reihe einzustellen, schlucken: „Traurig bin ich auf jeden Fall, das kulturelle Angebot wird damit weiter verarmen. Es ist schon ein komisches Gefühl“, sagt er. Und fügt hinzu: „Komisch, aber richtig.“
Wobei die beiden einen letzten Trumpf noch im Ärmel haben. Im nächsten Jahr sollte mit dem Texaner Billy Joe Shaver ein ganz Großer der Country- und Bluegrass-Szene im Staatstheater auftreten, und dieser Tage flatterte auch die vorläufige Zusage des Künstlers ins Haus. „Das wäre natürlich ein riesiges Finale“, träumt Klaus Grotelüschen. Und Träume sind ja nicht verboten.
