Nordenham - Goethes Faust ist weltberühmt. Aber wer war Faust in Wirklichkeit? Ein Vortrag der Goethe-Gesellschaft beschäftigte sich jetzt mit diesem Thema.
Prof. Bernd Ulrich Hucker, der an der Universität Vechta in der Abteilung für Kulturgeschichte und vergleichende Landesforschung mittelalterliche Geschichte lehrt, präsentierte jetzt auf Einladung der Goethe Gesellschaft im Alten Rathaus seine neuesten Erkenntnisse zur Faust-Figur und nahm das Publikum mit auf eine interessante Spurensuche.
Es gibt unzählige Werke über die literarische Figur: Dramen, Musikstücke, Kunstwerke, Gedichte, Puppenspiele, Glossen und wissenschaftliche Arbeiten. Maler wie Rembrandt, Komponisten wie Wagner und Dichter wie Lessing gaben ihm ein Gesicht.
Künstler thematisierten sein Leben oder brachten seine Gedanken zu Papier – ohne dass ihr Hauptdarsteller jemals einen einzigen persönlichen Satz hinterlassen hat.
Während Goethes Faust Weltruhm erlangte, ist der historische Faust immer noch ein rätselhafter Unbekannter. Hat er wirklich gelebt? War er ein Humanist, der wie Goethe schrieb, „Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch Theologie studiert hat, mit heißem Bemühn“?
Zwielichtiger Betrüger?
Oder war er doch nur ein zwielichtiger Betrüger, der sein Geld als Scharlatan und Sternendeuter verdient hat? Selbst in Enzyklopädien und Lexika sind alle Angaben über seinen Werdegang mit Fragezeichen versehen.
In der Forschung gilt nur eines als sicher: Den Faust, so wie Goethe ihn schuf, hat es nie gegeben. Der literarische Held mit den vier Studienabschlüssen und dem Teufel „im Gepäck“ basiert auf einer Legende.
Hieß Faust nun Johann, Georg oder gar Heinrich – wie Goethe ihn an einer Stelle in seinem Werk einführte? Ist er wirklich um 1480 im württembergischen Knittlingen geboren, wo es heute ein großes Faust-Archiv gibt?
Kam er tatsächlich um 1540 in Staufen im Breisgau bei einem alchemistischen Experiment ums Leben? Diese beiden Eckdaten galten in der Faust-Forschung bisher als gesichert. Hucker hat aber seine ganz eigene Theorie: „Nichts von diesen Daten lässt sich historisch sicher belegen – noch nicht einmal der Geburtsort: Das in einer Quelle zitierte Knittlingen, kann genauso gut Kneitlingen heißen – der Geburtsort von Till Eulenspiegel“, ist der Forscher überzeugt. Seiner Meinung nach müsse man sich dem historischen Faust mit einer dynamischen Sichtweise nähern, wie es bereits der 1969 verstorbene Göttinger Volkskundler Will Erich Peukert tat.
Er ging nicht wie alle anderen Wissenschaftler davon aus, dass es nur eine Figur gegeben hat, sondern zwei, die in der Sage miteinander verschmolzen sind: Zum einen gab es den echten Wissenschaftler Dr. Johann Faust, über den es nur sehr wenige Quellen gibt und zum anderen den Georg Faust, der in zeitgenössischen Berichten als „Georg sabelicus faustus junior“ bezeichnet wurde.
Bei dieser Figur handelt es sich laut Peuckert um den „Marktschreier-Faust“ oder den „Philosophen der Straße“, der Gelehrte um sich herum verblüffte und den Leuten mit Wahrsagerei und schwarzer Magie das Geld aus der Tasche zog.
Wie ein Hochstapler
„Er lebte zu einer Zeit, in der die Astrologie Hochkonjunktur genoss und sogar Fürsten sich den Ausgang von Kriegen anhand von Sternendeutungen voraussagen ließen“, betonte Ulrich Hucker, der den jungen Georg Faust immer wieder mit dem Hochstapler Gerd Postel verglich. „Der Faust hatte eine ähnliche Aura wie der Bremer Betrüger, der sich jahrelang erfolgreich als Arzt verkaufte.“
