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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Bücher: Wut-Fibel voller Hass und Obszönitäten

11.04.2014

Bonn Früher hat Akif Pirinçci (54) Katzenkrimis geschrieben und damit eine Millionenauflage erzielt. Nun erregt der Schriftsteller, der in Istanbul geboren wurde und seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, die Gemüter – mit dem Titel „Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“. Kaum zwei Wochen auf dem Markt, kommt der kleine Manuscriptum-Verlag mit dem Nachdrucken des Paperback-Buchs kaum hinterher, in Buchhandlungen war die Schmähschrift nach wenigen Tagen vergriffen, auf den Amazon-Bestsellercharts steht sie auf Platz eins – neben einem Pferdebuch für Mädchen und dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB).

In dem von Sexismus, Flüchen und Fäkalsprache durchzogenen Werk wettert Pirinçci gegen die „linksversiffte Presse“, „die Kindersexpartei Die Grünen“, die „toleranzbesoffene Politik“, über Schwule und Lesben, den „gefräßigen“ Staat und die „Zwangsabgabe“ für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

„Wie Nordkorea“

Pirinçci gibt eine Art schreibenden Vollstrecker, der „mit Hackebeilchen“ auf die „Schwulenlobby“ einhaut und das angebliche „Buckeln“ der Deutschen vor dem Islam geißelt, um dann Theorien über den angeblich höheren Intelligenzquotienten des „weißen Mannes“ anzustellen. „Man kann in diesem Land nur noch kotzen“, schreibt er. Die Kritik an sich selbst nimmt Pirinçci schon vorab mit ins Buch auf („typisch Stammtisch“, „Hassprediger“).

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa erklärt Pirinçci seinen Erfolg damit, dass er „die Wahrheit und nichts als die Wahrheit in einem sehr emotionalen Ton“ sage. Seine Meinung über Deutschland: „Das Ganze artet inzwischen zu einem Gesinnungsterror aus und zur Umerziehung eines ganzen Volkes.“ Ist Deutschland etwa vergleichbar mit einer Diktatur? Pirinçci: „Ja, wir sind doch schon wie Nordkorea.“

Dennoch will Pirinçci, der 1969 als Gastarbeiterkind in die Bundesrepublik kam, bleiben: „Ich könnte in keinem anderen Land der Welt leben.“ Aber Anfang der 80er Jahre habe „das Lügen“ begonnen. „Das Waldsterben hat es nie gegeben“, sagt er. Und die erneuerbaren Energien seien „physikalisch unmöglich“.

„Mein Buch ist kein Sachbuch, es ist ein Unikat, eine literarische Wut-Fibel“, betont er. Auf Quellenangaben und Fußnoten habe er verzichtet. „Es kann sein, dass ich bei einigen Zahlen und Daten danebenliege, aber im Ganzen wird es schon stimmen.“

Aber was hat sich der Katzenkrimi-Autor dabei gedacht? „Ich hab’ mir meine Wut herausgeschrieben. Ich muss auch Geld verdienen, stellen Sie sich das vor. Je mehr Kohle, desto besser.“

„Pure Menschenverachtung“ und „brutal rechtes Denken“ sieht die Wochenzeitung „Die Zeit“ in Pirinçcis von Obszönitäten durchsetztem Buch. „Wie Sarrazin auf Speed“, überschrieb die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ eine Analyse der Krawall-Rede und folgerte, dass die „Empörung über die Empörung“ am Ende Pamphlete zu Bestsellern mache. Den Vergleich mit Thilo Sarrazin, der mit Muslim-Kritik und Thesen von der angeblich genetisch bedingten Intelligenz von Volksgruppen provoziert hat, findet Pirinçci unpassend. Sarrazin sei ihm „zu dröge“. „Da bin ich fast eingeschlafen.“

„Die Sau rauslassen“

Fragt man im Literaturbetrieb herum, so nimmt kaum jemand Pirinçcis Buch zur Kenntnis, geschweige denn liest es. Denis Scheck und Elke Heidenreich etwa winken auf Anfrage ab. „Ich werde es auch nicht lesen“, sagt auch der Ex-Präsident des PEN-Schriftstellerverbandes, Johano Strasser. Für ihn ist es ein beunruhigendes Zeitphänomen, aber auch ein „Zeichen der Unsicherheit“, wenn Intellektuelle „plötzlich die Contenance verlieren“ oder der Versuchung erlägen, „mal so richtig die Sau rauszulassen“.

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