London - „Gryffindor!“, ruft jemand. Lautes Johlen und Klatschen antwortet. Vor dem Harry-Potter-Laden am Bahnsteig neundreiviertel im Londoner Bahnhof Kings Cross vertreiben sich die Fans die letzten Minuten in der Nacht zum Sonntag. Hunderte von „Potterheads“, wie sich die Fans nennen, warten ungeduldig, aufgereiht in Schlangen. Dann wird der Countdown auf Mitternacht gezählt, die Ladentüren öffnen sich, es ist soweit: Endlich steht einmal wieder ein Harry-Potter-Buch zum Verkauf. „Harry Potter and the Cursed Child“ (Harry Potter und das verwunschene Kind) ist die achte Folge der Saga: ein Muss für jeden Potter-Fan.

Wer bei der Weltpremiere im Theater nicht dabei sein konnte, wollte sich wenigstens das Skript zum Stück sichern. Die deutsche Ausgabe wird am 24. September erscheinen. Doch das Buch ist nur ein Trostpreis, verglichen mit dem Spaß, den die Theateraufführung zu bieten hat.

Am Sonnabend feierte „Harry Potter and the Cursed Child“ im Londoner Palace Theatre seine Uraufführung. Publikum wie Kritik urteilen unisono: ein Triumph. Das Stück – ein fünfstündiges, sich in Matinee und Abendaufführung erschöpfendes Schauspiel – ist bis zum Mai nächsten Jahres ausverkauft. Eine neue Tranche von 250 000 Tickets für Aufführungen bis zum Dezember 2017 wird am Donnerstag ausgegeben.

Die Autorin J.K. Rowling hatte die Idee zur neuen Story um Harry Potter geliefert, der Stückeschreiber Jack Thorne hat sie in vier Akten und 75 Szenen umgesetzt, und der Regisseur John Tiffany steuerte Handlungsstränge und reichlich magische Spezialeffekte bei.

Man muss kein Potterhead sein, um das Stück zu genießen, aber es schadet auch nicht, denn die Autoren haben für die Fans jede Menge Verweise auf die Original-Saga versteckt. Doch „Harry Potter and the Cursed Child“ funktioniert auch für die Uneingeweihten, nicht zuletzt, weil das Theater seine ganz eigene Magie entfalten kann.

„Ausnahmsweise“, urteilte die englische Zeitung „Standard“, „ist es genau das, was es versprach: der theatralische Event des Jahres“. Kritiker-Urgestein Dominic Cavendish bezeugte, nichts Vergleichbares „in all meinen Rezensentenjahren gesehen zu haben“.