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ZEITGESCHEHEN „Gefährliches Spiel mit Ängsten“

Von Holger Teschke

Frage:

Wer hat Ihnen die Impulse für Ihr politisches Engagement gegeben?

Chomsky:

Ich hatte einen Onkel, der in New York an der 72. Straße einen Zeitungskiosk betrieb. Bei ihm versammelten sich europäische Emigranten, von denen viele ihrer anarchistischen und sozialistischen Überzeugungen wegen Europa verlassen hatten. Mein Onkel hatte die Schule zwar nur bis zur vierten Klasse besucht, aber er war einer der gebildetsten Männer, die ich kennengelernt habe. Er hat mir viel zu lesen gegeben und so kam mein Interesse an der Weltpolitik zustande.

Frage:

Wie sehen Sie heute, fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, Deutschland?

Chomsky

: In den 20er Jahren galt Deutschland als eines der zivilisiertesten Länder der Welt, was Kunst und Wissenschaft anbetrifft, aber auch in Hinsicht auf Sozialgesetzgebung und demokratischer Entwicklung. Damit war es dann 1933 auf einen Schlag vorbei. Nach 1945 benutzten beide Weltmächte ihre jeweilige Besatzungszone, um die eigene Weltanschauung zu demonstrieren.

Nach 1989 fiel diese Notwendigkeit weg, und das vereinte Deutschland bekam es mit den Problemen zu tun, die andere westliche Industriestaaten schon länger hatten, wirtschaftlich und politisch. Es bleibt abzuwarten, wie extrem das Pendel angesichts der gegenwärtigen Krise ausschlagen wird.

Frage:

Das Pendel in den USA scheint nach der Wahl in eine mehr demokratische Richtung auszuschlagen.

Chomsky:

Trotzdem konnte man die Extreme auch bei uns im Wahlkampf gut beobachten. Senator McCain und Gouverneurin Palin zielten in ihren Reden immer wieder auf die Ängste von frustrierten Wählern, die Angst vor den Folgen der Krise haben und glauben, dass sich die liberalen Eliten an der Ost- und Westküste nicht für ihre Sorgen interessieren. Auf der anderen Seite gab es die Rhetorik von Obama, der mit den Schlagworten von Hoffnung und Wandel die Krise zu bewältigen versprach. Sein Publikum jubelte ihm ebenso frenetisch zu. Das halte ich für nicht weniger gefährlich.

Frage:

Die Europäer lieben Obama.

Chomsky:

Aus verständlichen Gründen! Dennoch halte ich Charisma in der Politik immer für eine gefährliche Sache. John F. Kennedy, den die Europäer aus ähnlichen Gründen liebten, hat uns 1961 mit seinem Abenteuer in der kubanischen Schweinebucht an den Rand eines Atomkriegs geführt und die Entsendung von US-Einheiten nach Vietnam hat den Krieg in Indochina erst angeheizt. Das war nicht alles nur die Politik von Bürgerrechtsbewegung und Friedenskorps. Wieviel Wandel Barack Obama bringen wird, muss sich erst noch erweisen.

Frage:

In Ihrem eigenen Leben hat es dagegen erstaunlich wenig Wandel gegeben. Seit mehr als 50 Jahren dasselbe Fach, dieselbe Uni . . .

Chomsky:

Sogar dieselbe Frau und immer noch derselbe Musikgeschmack! Aber ich hoffe doch, dass meine Antworten auf die Probleme der Welt nicht dieselben geblieben sind. Das kann man ja in meinen Büchern nachlesen.

Frage:

Die in mehr als 23 Sprachen übersetzt sind und für die Sie 2004 den Oldenburger Carl-von-Ossietzky-Preis bekommen haben. Wird die neue US-Regierung Sie zu Ihrem 80. Geburtstag ehren?

Chomsky:

Das glaube ich kaum. Aber die Tage in Oldenburg waren sehr anregend und ich erinnere mich gern an die Diskussionen!
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