Aurich/Gristede - Da kommt ein Pianist auf Stippvisite. Martin Stadtfeld stippt dabei in Aurich Tasten und Töne derart leicht an, dass die Themen und Verläufe kaum Intensität gewinnen. Beethoven verkleinert der 35-Jährige in der großen 32. Sonate c-Moll op. 111 so vom revolutionären Feuerkopf zum weltentrückten Leisetreter. Musik zeigt ihre Größe auch darin, wie sie Widerstände überwindet. Doch Stadtfeld legt ihr einfach gar keine in den Weg.
Klebrig und spannungslos
Verstörend zeitgleich haben die beiden konkurrierenden ostfriesischen Festivals „Musikalischer Sommer“ und „Gezeitenkonzerte“ ihre Spielzeiten begonnen. Musikalisch verstörend gerät dabei das Herangehen des hoch geachteten Stadtfeld an sein Programm mit Bach, Mozart, Beethoven und Chopin in der stark besuchten Auricher Lambertikirche.
Mit Bach scheint der Starpianist am ehesten im Reinen. Da schnurren Läufe auch mal wie nur gut geölt ab. Aber er führt etwa im dreistimmigen Ricercare aus dem Musikalischen Opfer die Linien logisch gegen-, mit- und umeinander. In seiner klug ausgewogenen eigenen Bearbeitung der Violin-Chaconne d-Moll geht er im Mittelteil dynamisch und rhythmisch voll aus sich heraus.
Doch Beethovens Sonaten-Lebensbilanz von 1822 zersäuselt und zerdehnt er bis zur Fremdheit. Die gezackte sprunghafte Eröffnungsformel wühlt weder Flügel noch Hörer auf. Der feinen Arietta fehlt die Kontur. Wo die Musik in der synkopisch brodelnden Variation Fahrt aufnehmen müsste, zieht sie sich klebrig und spannungslos durch. So lässt sich auch bei großer Neugier kein persönliches Konzept ausmachen.
Die „Gezeitenkonzerte“ erleben zum Auftakt in der ausverkauften Emder Johannnes-a-Lasco-Bibliothek den Besuch des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil. Er nennt die Reihe der Ostfriesischen Landschaft „einen Kometen am Festivalhimmel“. Mit 430 Zuhörern erfreut er sich am Leipziger Mendelssohn-Kammerorchester, am Geiger Ingolf Turban und am Pianisten Matthias Kirschnereit. Sie spielen Bach (Violinkonzert E-Dur, Klavierkonzert f-Moll) und zusammen Mendelssohns Doppelkonzert d-Moll.
Tags darauf treten die Geigerin Gergana Gergova, der Cellist Alban Gerhardt und Festivalleiter Kirschnereit auf Gut Horn in Gristede am Zwischenahner Meer vor einem erneut ausverkauften Saal auf. In Antonin Dvoraks „Dumky“-Trio e-Moll op. 90 schwelgen sie leidenschaftlich und verkleistern trotzdem nie die Strukturen.
Klangliche Raffinesse
Gebhardt, ein ebenso gelöster wie hochkonzentrierter Tausendsassa, legt sich überzeugend für Max Reger in die Saiten. In dessen 2. Solosonate d-Moll lässt er aus der Tiefe heraus Witz aufblitzen, transformiert Vertracktheit in klangliche Raffinesse. In Maurice Ravels Sonate für Violine und Cello findet er in Gergova eine ebenso anstachelnde wie bis in entfernteste Zartheit hinein gestaltende Partnerin. Selbst abgedrehter Kontrapunkt klingt da delikat und überrumpelnd.
Bis zum Finale am 17. Juli stehen beim „Musiksommer“ noch 22 Konzerte im Plan. Die „Gezeitenkonzerte“ dauern mit noch 30 Konzerten bis zum 14. August. Beide Veranstalter haben lose Gespräche darüber begonnen, derartige terminliche Aussetzer wie nicht nur 2016 zu vermeiden. Das ist noch kein Oktavsprung, aber immerhin ein Halbtonschritt.
