Rastede - Die Giganten im Programm sind Felix Mendelssohn-Bartholdy und Franz Schubert, natürlich. Doch das Gesprächsthema des Abends in der ausverkauften Neuen Aula der KGS beim 18. Rasteder Frühlingskonzert des Lion Clubs liefert Johannes Fischer: Schlagzeuger, Professor an der Musikhochschule Lübeck – und Komponist eines Klaviertrios mit dem geheimnisvollen Titel „...und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit“.
Fischer (32) hat die 17 packenden Minuten voll stiller Konzentration und zum Ende hin sogartigen Kreis- und Spiralbewegungen nach dem Rilke-Gedicht „Herbst“ dem Leibniz-Trio aus Hannover maßgeschneidert. Nicholas Rimmer (Klavier), Hwa-Won Rimmer (Violine) und Lena Wignjosaputro (Violoncello) haben es vor gut einem Jahr uraufgeführt. Immer noch lauschen sie sich einander unter Hochspannung zu. Zarte Töne sind im Entstehen und Verklingen genau zu orten, Linien zu verfolgen, die sich im Nichts zu verlieren scheinen. Alles zwingt die Hörer zu Reflexionen: Beim Dichter und beim Komponisten fallen nicht nur die Blätter. Nein, „wir alle fallen“.
In die Spieltechnik mischt Fischer kaum Ungewöhnliches. Flageolettspiel verlangt er, lässt auch mal dicht am Steg streichen oder den Pianisten Hand direkt an die Saiten anlegen. Aber es macht die Größe des Werkes aus, dass es mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Ausdrucksdichte und Gefühlstiefe erreicht.
Mendelssohn (Trio Nr. 1 d-Moll op. 49) und Schubert (Trio B-Dur D 898) zeigen das Leibniz-Trio als Ensemble, das bei aller technischen Brillanz, Präzision des Zusammenspiels, dynamischer Balance und zupackendem Elan kaum extrovertiert auftrumpft. Keiner baut für sein Instrument eine Vormachtstellung auf, nichts wird durch dicken Nachdruck vergröbert. Bei aller idealen Verteilung der Gewichte: Man könnte sich Momente mit noch mehr persönlicher Dringlichkeit vorstellen.
Stilsicher lassen die Drei bei Mendelssohn mitreißenden Schwung über einfache Leichtgewichtigkeit triumphieren. Trügerischer Süße bei den Gefühlswallungen gehen sie nicht auf den Leim. Bei Schubert belegt das Seitenthema im Einleitungssatz, zuerst vom Cello vorgetragen, wundervoll ihre Musizierhaltung. Sie walzen diese unfassliche Melodie nicht gefühlig aus, sie lassen sie nur sacht am Herzen zupfen – aber gerade dadurch regt sie alle Stimmungen von Glück, Sehnsucht oder Trauer auf engstem Raum an.
Das Leibniz-Trio eine Formation hohen Ranges, bei der die kontrollierte Seriosität nicht ins Wanken gerät? Von wegen! Man muss nur die Zugabe hören, „Herbst in Buenos Aires“ von Astor Piazzolla!
