Stammzuschauer der Speelkoppel Hoyerswege können sich auf einige neue Gesichter auf der Bühne freuen, wenn es an diesem und nächstem Wochenende auf der Freilichtbühne Schlutter heißt: „Düvel ok, Herr Paster!“ Einer der Debütanten ist Jan-Rainer Brahms (46), der in der Rolle des Küsters zu sehen sein wird.

Es war purer Zufall, dass er die Bretter, die die Welt bedeuten, für sich entdeckt hat. Ein Arbeitskollege in Leer sprach ihn bei einer Tasse Tee an: „Uns fehlt noch jemand, und du würdest genau dazu passen.“ Obwohl Jan-Rainer noch nie vorher auf einer Bühne gestanden hatte, ließ er sich überreden.

In der Theatergruppe vom Gesangsverein „Einigkeit“ in Völlenerfehn gab er sein Debüt. Sofort hatte ihn der „Theatervirus“ gepackt. Mehrere Jahre spielte er in Völlenerfehn und beim Halsbeker Heimatverein. Wieder durch Zufall lernte er den Theaterpädagogen Frank Fuhrmann aus Wilhelmshaven kennen. Mit ihm und einigen anderen Kollegen macht Jan-Rainer Brahms gerne Improvisationstheater, zum Beispiel bei einem der beliebten Krimidinner.

Für Jan-Rainer ist die plattdeutsche Sprache kein Problem, denn in seiner Heimat Leer in Ostfriesland wird noch viel Plattdeutsch gesprochen. Hier ist er zusammen mit seinen drei Brüdern aufgewachsen. Mit ihnen teilte er die Leidenschaft für Badminton. Die Begeisterung für diesen Sport ging soweit, dass Jan-Rainer zusammen mit einem seiner Brüder zu den Olympischen Spielen nach Barcelona, Atlanta, Sydney und auch nach Athen gereist ist, um dort Badminton der Spitzenklasse zu erleben. „Aus gesundheitlichen Gründen kann ich diesen Sport leider nicht mehr ausüben“, erzählt er.

Die berufliche Laufbahn von Jan-Rainer Brahms ist so abwechslungsreich, wie seine bisherigen Theaterrollen. Als ein Grundstück seiner Eltern vermessen werden musste, war er angetan von der Vermessungstechnik. Nach Realschulabschluss und einem Jahr Berufsgrundbildungsjahr, machte er eine Ausbildung zum Vermessungstechniker beim Katasteramt Leer.

Nach seiner Ausbildung arbeitete er kurz beim Katasteramt in Osnabrück, bevor er seinen Zivildienst antreten musste. Beim Diakonischen Werk in Leer wurde er für die Haus-und Familienpflege eingestellt. Obwohl er als Kind gerne für sich war, gefiel ihm die Arbeit mit Menschen. Nach diesen für ihn wunderbaren 18 Monaten besuchte er die Fachoberschule in Oldenburg. Mit der Fachhochschulreife begann er sein Studium für Vermessungstechnik. Ihm kamen Zweifel, ob sein beruflicher Weg so richtig war.

„Ich brauchte einfach neue Impulse“, erklärt Jan-Rainer Brahms. Er ließ die Vermessungstechnik hinter sich und absolvierte zum Entsetzen seiner Eltern eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in Leer und gleichzeitig ein begleitendes Studium. Als Betriebswirt wurde er 1999 auch gleich Filialleiter bei der Drogeriemarktkette „Ihr Platz“.

„Hier hatte ich keine feste Filiale, sondern war in ganz Deutschland unterwegs.“ Aber nur zwei Jahre später kam, wie Jan-Rainer es nennt, die Vollbremsung: Da „Ihr Platz“ in Schwierigkeiten war, wurden Mitarbeiter entlassen und darunter auch die Leiter ohne eine feste Filiale. „Das hat mich nachhaltig aus der Bahn geworfen, und ich brauchte eine längere Zeit, um mich neu zu orientieren.“

Nach einigen Projekten durch das Arbeitsamt bekam er beim Landkreis Leer eine Stelle als Arbeitsvermittler. Nach drei Jahren kam die Erkenntnis: „Das kann es nicht sein. Ich möchte mit den Menschen arbeiten und nicht Menschen verwalten.“ Die nächsten beruflichen Stationen waren das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft und das Berufsfortbildungswerk Friedehorst, wo Jan-Rainer unter anderem Menschen mit Beeinträchtigungen ins Berufsleben führte.

Während er beruflich nach neuen Zielen suchte, hatte er mit seiner Uta 2007 sein Glück gefunden. Sohn Tamme machte 2009 das Glück perfekt. „Meine Ehefrau Uta hat mich der Kirche wieder etwas näher gebracht“, gesteht Jan-Rainer. Kein Wunder, denn sie ist Pastorin, und das seit knapp vier Jahren in Ganderkesee.

„Ganderkesee hat uns auf Anhieb super gefallen“, schwärmt Jan-Rainer von seiner neuen Heimat. Bis jetzt war er in Elternzeit, aber ab Montag setzt er bei den Elbe-Weser-Werkstätten seine berufliche Laufbahn fort. Auch hier geht es um Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen. Seit einem Jahr ist er Kassenwart beim Förderverein Laurentius-Hospiz Falkenburg. „Hier kommen mir die Menschen jedes Mal mit strahlenden Gesichtern entgegen, und das ist für mich das größte Geschenk.“

Jan-Rainer Brahms, Mitglied der Speelkoppel Hoyerswege