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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein Philosoph aus Oldenburg antwortet

29.01.2019
Frage: War würde Jaspers zu Donald Trump sagen?
Bormuth: Er wäre entsetzt und würde wohl diesen US-Präsidenten als einen exemplarischen Ausdruck für die Verfallenheit des Zeitalters betrachten. Aber er würde auch sagen: Die amerikanische Demokratie war immer so stark, dass sie auch solche Gestalten aushält.
Frage: Wie könnte Jaspers auf die heutige Bundesregierung blicken?
Bormuth: Er hätte das Gefühl, dass man viel zu pragmatisch und zu machtbewusst zu Werke geht – ohne ausdrückliche Ziele, die ja für die Politik eigentlich nötig sind.
Frage: War würde er zum Thema Flüchtlinge sagen?
Bormuth: Er würde meines Erachtens eine große Offenheit an den Tag legen, aber versehen mit dem Hinweis, dass es ein gemeinsames europäisches Problem wäre und als solches auch zu lösen sei.
Frage: Was würde Jaspers zur Universität Oldenburg sagen, er sprach sich nicht gerade für ihre Gründung aus?
Bormuth: Er war als Mediziner ein großer Freund der Naturwissenschaften und würde insoweit diesen Schwerpunkt schätzen, ebenso die neue European Medical School und hoffentlich auch die philosophischen Akzente, die unter anderem mit dem Jaspers-Haus gesetzt wurden.
Frage: Was liebte Jaspers am Oldenburgischen?
Bormuth: Die Landschaft, die Weite, das Meer, das flache Land, den weiten Horizont. Er hielt viel von der Oldenburger Selbstständigkeit, die er besonders auch in seinem Vater sah und zeitlebens mit gelebter Freiheit verband.
Karl Jaspers BILD: Archiv

Zur Person

Karl Jaspers wurde 1883 in Oldenburg geboren und starb am 26. Februar 1969 in Basel. Er war ein Psychiater und Philosoph von internationaler Bedeutung; seit 1967 war er Schweizer Staatsbürger. Heute gilt er als herausragender Vertreter der Existenzphilosophie, zu seinen Hauptwerken gehören „Die geistige Situation der Zeit“ und „Wohin treibt die Bundesrepublik?“.

Zum 50. Todestag findet am 26. Februar um 19.30 Uhr im Oldenburger PFL (Peterstraße 3) eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ statt. Der Eintritt ist frei. Es nehmen teil die Journalistin Franziska Augstein und die Oldenburger Professoren Matthais Bormuth und Gunilla Budde.

Das Jaspers-Haus in Oldenburg (Unter den Eichen 22) wurde 2013 eröffnet. Es beinhaltet die Original-Bibliothek von Jaspers.

Infos unter: www.karl-jaspers-gesellschaft.de

Frage: War würde er zur heutigen Philosophie sagen?
Bormuth: Eine zunehmend verschulte Philosophie, wie sie an bürokratisierten Universitäten droht, lehnte er rigoros als pure Ausbildung ab. Studium bedeutete für ihn herausfordernder Freiraum. Forschung und Lehre leben bei ihm auch vom Privileg, der Politik ein unabhängiges Gegenüber zu sein.
Frage: Und was würde er von einem telegenen Philosophen wie Richard David Precht halten?
Bormuth: Jaspers hat immer viel vom öffentlichen wie verständlichen Philosophieren gehalten. Philosophie war für ihn eine Lebensform. Allerdings muss sie mit einer großen inneren Ernsthaftigkeit einhergehen. Leicht kann sie im öffentlichen Raum zum bloßen Geschäft verkommen, der grandiosen Selbstinszenierung dienen, Gefahren, vor denen schon Sokrates warnte.
Frage: Eine Oldenburgerin namens Ulrike Meinhof hat, als Jaspers in Basel lehrte, auch Philosophie studiert. Gab es Kontakt mit Jaspers?
Bormuth: Als hochbegabte Studentin hat Ulrike Meinhof tatsächlich bei einem engen Jaspers-Schüler in Wuppertal studiert; fast hätte sie 1956 im dortigen Oberseminar Jaspers kennengelernt. Ihre Briefe an die Deutsche Studienstiftung zeigen, dass sie anfänglich von Jaspers’ Idee der existenziellen Kommunikation beeinflusst war. Später suchte sie radikalere Kreise, um sich normativ zu vergewissern.
Frage: Jaspers legte aber nicht den Kern des späteren Terrorismus?
Bormuth: Gewiss nicht. Aber er sympathisierte zur Zeit der Notstandsgesetze wie Hannah Arendt mit der Studentenbewegung. Er teilte deren Unzufriedenheit mit den alten Eliten, die den Nationalsozialismus unter den Tisch kehrten.
Frage: War Jaspers eigentlich früh berühmt?
Bormuth: Nach dem medizinischen Erfolg der „Allgemeinen Psychopathologie“ traf er 1919 mit der „Psychologie der Weltanschauungen“ den Nerv der Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg stand allen Deutschen sein leitender Begriff der „Grenzsituationen“ allzu anschaulich vor Augen.
Frage: Was meinte Jaspers mit „Grenzsituation“?
Bormuth: Es handelt sich um Situationen, die wir mit den bekannten Weltanschauungen nicht mehr bewältigen können. Als Lebenskrisen machen sie Entscheidungen notwendig, die alles Hergebrachte übersteigen.
Frage: War Jaspers sehr stark politisch interessiert?
Bormuth: Erst der späte Jaspers, der durch die Erfahrung des Nationalsozialismus und die innere Emigration politisch wach geworden war. So wurde er dann von Basel aus zum polemischen Philosophen.
Frage: Nachdem ihn die Nazis fast umgebracht hätten war er Schweizer geworden. Hat er von der Schweiz aus die junge Bundesrepublik kritisch begleitet?
Bormuth: Jaspers stand für eine feste Einbindung in die Freiheit des Westens, und begrüßte deshalb auch die westdeutsche Wiederbewaffnung. Mit dem General Hans Speidel tauschte er Gedanken aus.
Frage: War er, der mit einer Jüdin verheiratet und im Dritten Reich als Professor kaltgestellt worden war, mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus einverstanden?
Bormuth: Nein. In Briefen schreibt er um 1960 nüchtern, dass die Deutschen die Selbstaufklärung und die Bewältigung der Schuldfrage versäumt haben. Er hat nur wenige Deutsche in dieser Hinsicht geschätzt, darunter Alexander Mitscherlich, Rudolf Augstein und Rolf Hochhuth.
Frage: Dessen für Aufruhr sorgendes Stück „Der Stellvertreter“ verteidigte er.
Bormuth: Der späte Jaspers war ein radikaler Kritiker der Eliten. Hochhuths Drama schien ihm 1963 an der Zeit, weil es exemplarisch zeigte, wie stark gerade die katholische Kirche, die sich die Moralität auf ihre Fahnen schreibt, in dieser Hinsicht versagt hatte, ohne es zuzugestehen.
Frage: Wie stand Jaspers zum Thema Tod?
Bormuth: Philosophie bedeutete für ihn auch, das Sterben zu lernen. Er, der vor 50 Jahren am 26. Februar 1969 starb, hat den Tod immer als Herausforderung gesehen, als eine Grenzsituation, die ihn wegen des Lungenleidens lebenslang bedrohte. Hans Saner, sein Assistent, hat mit „Sterben lernen“ ein berührendes Zeugnis dieser Jahre hinterlassen.
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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