Oldenburg - Fünf Vorredner begrüßten, dankten und lobten. Dann kam der Mann zu Wort, der vor 23 Jahren den Anfang machte: Rudolf zur Lippe. 1990 hatte er die Oldenburger Karl-Jaspers-Vorlesungen zu Fragen der Zeit angestoßen. Am Montagabend hielt der 76-Jährige erstmals an der Uni Oldenburg den Gastvortrag, mit dem sich der emeritierte Professor für Ästhetik nach fast vier Jahrzehnten aus dem Nordwesten verabschiedete.
„Eine Ära geht zu Ende“, bedauerte Reinhard Schulz, Geschäftsführer der Jaspers-Vorlesungen. Er erinnerte an die vielen philosophischen Kolloquien mit Gelehrten aus aller Welt in zur Lippes Wohnung im Abthaus des Klosters Hude. Dort zieht der eigenwillige Denker nun aus, um sich in seiner Geburtsstadt Berlin wieder den Künsten zu widmen.
Bekenntnis-Kartelle
Stimmen anderer Kulturen zu Wort kommen zu lassen, war zur Lippe immer eine Herzensangelegenheit. Dazu gab ihm die Universität bei der Verleihung des Jaspers-Förderpreises noch einmal Gelegenheit. Und zur Lippe nahm das Abschiedsgeschenk dankend an. Unter dem Titel „Voneinander und miteinander lernen: Für eine gemeinsame Zukunft der Menschheit“ wählte er ein Thema, zu dem er weitaus länger als eine Dreiviertelstunde hätte sprechen können.
„Freiheit ist nur möglich mit der Freiheit aller anderen“, zitierte er Jaspers, um von ihm ausgehend eine Philosophie der Vielfalt zu entwickeln. Eurozentrismus, imperiale Ansprüche und das „Bekenntnis-Kartell der monotheistischen Religionen“ stünden dem häufig im Wege.
Dabei schaute er immer wieder zu Preisträger Chibueze Udeani. Der Theologe aus Nigeria bekleidet derzeit eine Stiftungs-Professur in Würzburg, wo er sich vor allem dem Dialog der Religionen widmet. „Ich nehme den Preis stellvertretend für alle entgegen, die sich für ein Miteinander der Kulturen einsetzen“, sagte der 50-jährige Udeani: „Es gibt noch viel zu tun.“
Eine wichtige Voraussetzung sei die Verständigung ohne Herabsetzung. „Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen“, griff Udeani auf Jaspers und das Motto der Vorlesung zurück. Darum sei es auch zur Lippe immer wieder gegangen, lange bevor sich eine interkulturelle Philosophie als Disziplin etabliert habe, betonte Institutsdirektor Ulrich Ruschig.
Syrer kam nicht
Der allseits geforderte Dialog stand einen Tag nach dem Hörsaal-Marathon auf der Tagesordnung. Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion sprach zur Lippe am Dienstag zunächst mit dem aus Palästina stammenden Journalisten George Khoury über den arabischen Frühling. Der Gast war für den Syrer Sadik al-Azm eingesprungen, der wegen des Bürgerkriegs in seinem Heimatland kurzfristig abgesagt hatte. Daran wurde deutlich: Auch Gewalt kann den Austausch der Kulturen blockieren.
Ins Gespräch kam zur Lippe zudem noch mit Schülern des Alten Gymnasiums Oldenburg. Eine Tradition, die der Gelehrte ebenfalls begründet hatte. Auf eine bewegte Vergangenheit in Oldenburg und an vielen anderen Orten kann zur Lippe zurückschauen – in seinem Schlusswort richtete er den Blick aber nach vorn.
„Was müssen wir hoffen“, fragte er in Anlehnung an Kant, „damit diese Welt eine Zukunft hat?“
