Bremen - Die Semi-Opera „The Indian Queen“ von Henry Purcell, ein Werk von nur etwa 50 Minuten Spieldauer, als Abschlusskonzert beim Musikfest Bremen?

Nun, da hat man die Rechnung ohne Peter Sellars und Teodor Currentzis gemacht. Sie haben das fragmentarische Werk mit zusätzlicher Musik von Purcell und mit Texten aus dem Roman „The Lost Chronicles of Terra Firma“ der nicaraguanischen Autorin Rosario Aguilar angereichert und kommen so auf satte drei Stunden Spielzeit.

Zudem hat Sellars die Handlung (Kampf zwischen Azteken und Mayas nebst diversen Liebesverwirrungen) komplett geändert. Hier steht die Begegnung zwischen dem spanischen Eroberer Don Pedro und der Häuptlingstochter Teculihuatzin (der indianischen Königin) im Zentrum, deren Liebe, aus der die Tochter Leonor hervorgeht, sich verliert und die auch nicht das Gemetzel der Spanier an den Indios stoppen kann. Don Pedro heiratet die Spanierin Doña Isabel, Teculihuatzin fällt in geistige Umnachtung. Die Oper endet mit dem pessimistischen Fazit des Chores, dass man niemandem trauen könne.

Mit effektvollen Beleuchtungswechseln, archaischen Bewegungen der Solisten und einem grandiosen Chor wird ein barockes Spektakel entfacht, das mit der oft furios, oft in purer Schönheit erklingenden Musik bestens korrespondiert. Im zweiten Teil reiht sich allerdings ein Gebet an das andere, sodass die Oper in die Nähe eines Oratoriums rückt. Und die von Maritxell Carrero eindringlich gesprochenen Texte, die abwechselnd die Gedanken von Isabel, Teculihuatzin und Leonor ausdrücken, sind zu lang und mitunter fragwürdig.

Musikalisch aber ist der Abend ein Fest. Johanna Winckel glänzt als Isabel mit ihrem berührenden Lamento „O Solitude“, Paula Murrihy verdeutlicht mit ebenmäßigem Sopran die seelischen Qualen ihrer zur Hass-Liebe gewandelten Gefühle. Mit fast heldischem Tenor verleiht Jarrett Ott als Don Pedro seiner Klage viel Tiefgang und rückt sie fast in die Nähe von Beethovens Florestan.

Mit Ray Chenez und Christophe Dumaux sind für die Götter zwei hervorragende Countertenöre im Ensemble, die ihrem Duett „Oh, How Happy Are We“ eine umwerfende Brillianz sichern. Mit erzenem Bass hat Willard White als Maya-Priester einen machtvollen Auftritt. Teodor Currentzis am Pult seines Orchesters MusicAeterna setzt Purcells Musik lebendig in Szene und erreicht höchstes Niveau.