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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Zum siebten Mal alles vermasselt

17.08.2013

Oldenburg /Wilhelmshaven Der Held schlittert richtig in die Krise. Da ist er, der mythische Sänger Orpheus, wild entschlossen ins Totenreich gestiegen, um seine geliebte Eurydike zurückzuholen. Doch plötzlich drücken ihn Zweifel. „Dove, ah, dove te’n vai, mia vita“, deklamiert Knut Schoch, „wohin, ach, wohin gehst du, mein Leben?“ Es ist zum Herzzerreißen. Da platzt Torsten Johann am Cembalo ganz profan herein: „Du bist bei den Sechzehnteln zu schnell!“ Tenor Schoch bricht ab. Die Continuo-Instrumente verebben.

Probe zu Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ in der Christus- und Garnison-Kirche in Wilhelmshaven. Die „Favola in Musica“ soll den Höhepunkt in der traditionsreichen Musikreihe „Klassik am Meer“ setzen. Dafür sind gleich zwei Aufführungen geplant: an diesem Sonnabend im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters, tags darauf in Wilhelmshaven.

Komplexe Barockoper

„Dove, ah, dove“, setzt also Orpheus neu an, exakt im Tempo. Doch da eilt Sabine Hayduk die Stufen zur Bühne empor. Höchst konzentriert hat die Regisseurin im Mittelgang verharrt. Jetzt korrigiert sie die Arm- und Handhaltung des Sängers. Barockoper ist ein ganzheitlich komplexes Gebilde. Es gibt Experten, die nennen Arme und Hände gar „die Verlängerung der Stimme“. Wer aus dem Begriff „halb szenische Aufführung“ ableiten würde, dass es sich nur um halbe Oper handeln könnte, verwirft solche Gedanken rasch.

1607, als Monteverdi sein Werk für den Hof in Mantua komponierte, war die Oper noch gar nicht erfunden. Heute gilt „L’Orfeo“ als erste Oper der Musikgeschichte – und nach 400 Jahren immer noch als ein unglaublich moderner Stoff. Aberwitzig ist der Handel des Sängers mit den Mächten der Unterwelt. Er darf seine an einem Schlangenbiss gestorbene Geliebte mit zurück auf die Erde nehmen, wenn er sich unterwegs nicht zu ihr umdreht. Natürlich vermasselt er alles. Das Leben besteht eben aus subjektiven Gefühlen.

Sabine Hayduk verfolgt in ihrer Umsetzung klare Linien. „Dieses Scheitern bedeutet die Rettung der Welt“, sagt sie. Dafür steht die Figur der Proserpina (Mareke Freudenberg). Sie verbringt die Hälfte des Jahres in der Oberwelt, lässt in dieser Zeit die Natur erblühen. Es ist also Sommer. Kehrt sie nach unten ins Finstere zurück, erstirbt die Natur. Es ist Winter. Würde Orpheus nun den Tod besiegen, wäre Proserpina für immer in die Unterwelt verbannt – und die Erde in ewiger Kälte erstarrt.

Hayduks Folgerung für die Kernaussage: „Die Akzeptanz des Todes ist Teil des Lebens.“ Folglich lässt sie den Tod als zusätzliche Figur auftreten. Er tanzt am Ende.

Unerwartetes Geräusch

Nie wirkt Monteverdis Musik 400 Jahre alt. „Geradezu radikal hat er am Text entlang komponiert“, begeistert sich Thomas Bönisch. Der Oldenburger Chordirektor teilt sich mit Torsten Johann die musikalische Leitung. „Da entstehen rhythmische, melodische und harmonische Wendungen, die aus unserem Jahrhundert sein könnten – schockierend, erregend, süß, bitter oder tieftraurig schmeckend.“

Monteverdi hat genaue Angaben zur Besetzung gemacht, oft aber offen gelassen, welche Gruppen wann spielen. Auf jeden Fall sorgt ein Spezialisten-Ensemble mit Geigen, Flöten, Zinken, Posaunen und Gamben für höchste Buntheit und Charakterisierung. Barock-Spezialisten wie Hille Perl (Gambe) oder Lee Santana (Theorbe) sind dabei.

Den dramatischen Zusammenhalt von Wort und Empfindung lässt Schoch auch spüren, wenn er zum siebten Mal zum „Dove, ah, dove“ ansetzt. „Das kriegen wir alles hin“, sagt der in Bremen lehrende Sänger hoch motiviert.

Und schon klappern die Unterwelt-Geister zum siebten Mal mit den Stühlen auf dem Boden: Es simuliert das „unerwartete Geräusch“, das den nervösen Orpheus aus der Bahn wirft.

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