Sande - Dass Werner Keller heute überhaupt noch da ist, dass es ihm gut geht und er noch viele Pläne schmiedet, dass hat Sandes Ehrengemeindebrandmeister (71) vor allem seinen Feuerwehrkameraden zu verdanken. Bei der Grundsteinlegung zum neuen Feuerwehrhaus vor etwa zwei Jahren klappte er plötzlich zusammen. Die umstehenden Feuerwehrleute, alle bestens ausgebildet in erster Hilfe, taten das einzig richtige und holten ihn zurück ins Leben und alarmierten zugleich den Rettungsdienst. „Das war knapp damals.“
Die Kameradschaft, das Miteinander, das füreinander Dasein sei ohnehin mit das Großartigste am Feuerwehrleben. Auch wenn man nach 45 Dienstjahren als aktiver Feuerwehrmann in die Altersabteilung wechselt. 62 Jahre war Werner Keller, als Sandes damaliger Gemeindebrandmeister 2008 im Dienstgrad eines Ersten Hauptbrandmeisters die aktive Zeit beendete. „Wenn man eine aktive, tolle Truppe hat wie wir hier in Sande, dann ist der Übertritt in die Altersabteilung auch gar nicht so schwer“, sagte Keller. „Bis auf die Brand- und Hilfseinsätze nimmt man ja weiterhin am Feuerwehrleben teil.“
Werner Kellers Feuerwehrleben begann 1963. 16 Jahre war er damals und Lehrling bei den Olympia-Werken in Roffhausen. Vom Lehrgeld hatte er sich einen Fotoapparat zusammengespart, und mit dem flitzte er auf dem Fahrrad zu seinem „ersten Einsatz“: Bei Altenhof brannte es in der alten Ölanlage. Keller knipste, konnte sogar ein Bild an die Zeitung verkaufen und wurde dann vom damaligen Ortsbrandmeister Gustav Folkers zur Seite genommen, dem das Interesse des Jungen an der Feuerwehr aufgefallen war: „Willst Du bei uns mitmachen?“. Klar wollte er.
Und so trat er der Feuerwehr Sande bei. Eine Jugendfeuerwehr gab es damals nicht, die wurde erst – auch dank Kellers Initiative – Ende der 1990er Jahre gegründet. Learning by doing war damals die Devise. Im laufenden Dienst- und Ausbildungsbetrieb vor Ort wurde ihm nach und nach alles beigebracht, was er wissen musste, und bald besuchte er auch die Feuerwehrschule in Loy. 14 Lehrgänge hat er dort im Laufe seines langen Feuerwehrlebens besucht, plus drei weitere in Celle, als er längst beim Marinearsenal beschäftigt war, wo er sich als Elektroniker um die Hochfrequenzanlagen kümmerte. „Schulungen und Lehrgänge in Sachen Feuerwehr und Sicherheit wurden vom Arsenal immer sehr unterstützt“, so Keller.
Sein erster Einsatz als frischer Feuerwehrmann ist dem 71-Jährigen in besonderer Erinnerung geblieben: Es war ein eiskalter Wintertag. In Neustadtgödens brannte es in einer Hofstelle, die einem Zirkus als Winterquartiert diente. Es war so kalt, dass der Sprühnebel des Löschwassers sofort an der Einsatzleidung gefror. Und das war damals kein HighTech-Stoff wie heute, sondern nur eine Art Parka. „Wir durften die Wasserzufuhr auch nicht abstellen, weil das Wasser sonst im Schlauch gefroren wäre“, erinnert sich Keller. Das in der Scheune und die untergestellten Zirkuswagen verspritze Wasser gefror schnell zu einem bizarren Bild. In dem Feuer kamen damals einige Zirkustiere ums Leben, auch ein Kamel.
Auch die „Feuertaufe“ bei Eiseskälte schreckte ihn nicht, Keller blieb bei der Feuerwehr. Er rückte wohl insgesamt zu mehreren hundert Brand- und Hilfseinsätzen, Übungen und Fehlalarmen aus. Er löschte Scheunenbrände, Pkw und Container, bekämpfte Wohnungsbrände, Chemikalienaustritte und holte natürlich auch so manche Katze mit einem Wasserstrahl vom Baum.
Viel Schreckliches hat er in all den Jahren als Feuerwehrmann sehen müssen, als er mit den Kameraden zu Brand- und Hilfeleistungen eilte. Schlimme Verkehrsunfälle, bei denen sich Jugendliche zu Tode fuhren. Verzweifelte Menschen, die sich auf die Gleise legten und vom Zug überfuhren ließen. „Die Unfälle waren am schlimmsten“, sagt Keller. Supervision oder Seelsorge, mit denen man das Gesehene verarbeiten konnte, gab es nicht. „Damit musste man allein klarkommen. Heute ist das anders.“
Nun ist Keller Feuerwehr-Senior. Und das gefällt ihm gut: „Wir unternehmen viel gemeinsam und mit den Altersabteilungen anderer befreundeter Wehren.“ Beim Umzug und Einrichtung des neuen Feuerwehrhauses packten die 14 der Altersabteilung an, im Moment arbeiten sie an einer Chronik zur örtlichen Feuerwehrhistorie. In Jever engagiert er sich im Feuerwehr-Museum. Ein Leben ohne Feuerwehr? Undenkbar für Werner Keller.
