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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Zur Harfe bitte auf Bahnsteig 5

30.08.2010

OLDENBURG Wehe denen, die Katastrophenfilme vor Augen haben, in denen Züge über den Prellbock hinaus in die Bahnhofshalle donnern! Die müssen ja, wenn sie in Oldenburg zum Bahnsteig wollen, beim Geräusch quietschenden Eisens erstarren. Nur Christoph Ogiermann lässt die akustische Bedrohung kalt. Er steuert am Mischpult in der Eingangshalle die passenden elektronischen Klänge.

Derart deftig und illustrativ geht es nicht den ganzen Sonntag im Bahnhof zu, pausenlos aber musikalisch, geräuschhaft, klanghaft. „Bahnklang“, ein Projekt des Neue-Musik-Forums „Klangpol“, hat Oldenburgs Verkehrsknotenpunkt und seine Umgebung acht Stunden unter Musik gesetzt. Projektleiter Michael Hagemeister bilanziert: „Nur wenige haben sich überfallen gefühlt, ganz viele ließen sich von den Aktionen begeistern.“

Anlass ist der Aufenthalt des Sonderzuges „Sounding D“, den das Netzwerk Neue Musik für drei Wochen auf die Schienen gesetzt hat. Die Klänge Deutschlands werden an 15 Stationen eingesammelt und gleichzeitig einem breiten Publikum vermittelt. So mischen sich an Bahnsteig 1 Flaneure mit Durchreisenden beim Abhören der klanglichen Visitenkarten zwischen Berlin und Saarbrücken.

„Ungewohnt in dieser Umgebung“ findet Marlene Meyer aus Oldenburg die per Kopfhörer erlebbaren Städteporträts. „Da irritieren plötzlich Vogelstimmen.“ Martin Henning macht das Abhören eines Passauer Klang-Ausschnitts nachdenklich: „Mir bestätigt sich, mit wie viel Krach wir umgeben sind, das ist ein enormer Krankheitsfaktor.“ Abends setzt das Staatsorchester einen Gegenpol mit vielen Pianissimo-Klängen.

Ungewohnte Klangflächen

Doch wie wird Dynamik empfunden? Als „mächtig laut“ bewerten Jugendliche einen elektronischen Sturm durch die große Halle. „Viel, viel leiser als in der Disco!“ , kontert Eckart Beinke, der Leiter des oh-ton-Ensembles. Die Reizung liegt im Unbekannten: „Das sind ungewohnte Klangflächen, die hört man viel intensiver.“

Oldenburgs klangliches Charakterbild muss man sich radelnd erschließen, über die klapprige Klappbrücke am Hafen, den Küstenkanal, über die Cäcilienbrücke zu Schlossgarten und Rathaus. Wasser fließt auf diesem Weg akustisch ebenso wie der Straßenverkehr, Tretboote steuern ihr Platschen bei, Schiffs-Hupen und Wind runden das Bild ab.

Im Dresden-Kopfhörer regnet es. Doch da mischen sich Schlagzeug-Rhythmen und Saxofon-Linien ein. Aus Dresden? Nein, von Bahnsteig 3 nebenan, direkt live. Handgemachte Musik beherrscht Bahnsteige, Unterführung und Ausgänge. Das innovative Schlagwerk Nordwest von Axel Fries findet seine Zuhörer, ebenso Gitarrist Ulf Mummert oder Robin Hoffmann mit seinen Lockpfeifen. Trompeter Paul Hübner entert per Leiter die Eingangsempore. Harfenistin Barbara Kysela hat ihr Instrument für John Cages Klassiker „In a Landscape“ auf Bahnsteig 5 wuchten lassen. Und am Spätnachmittag machen sich über 100 Oldenburger zu einer Chorperformance Richtung Stadt auf.

Neue Musik beißt nicht

Derweil kündigt Ogiermann in der Halle per Anschlag neben seinem Mischpult noch einmal Schauerliches an, den Titel: „Den letzten beißen die Hunde“ – mit dem Zusatz: „Keine Klangin­stallation! Lebend-Durchführung!“ Doch gemach. Vieles ist Pose, auch in der Musik. Verletzt wird niemand. Es ist einfach so: Neue Musik beißt wirklich nicht!

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