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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Zwei Männer und ein Leben zwischen Buchseiten

09.08.2016

Berlin Eruptiv brechen die Worte aus ihm hervor und ergießen sich wie ein unablässiger Strom auf das Papier. 5000 Seiten lang ist der neue Roman von Thomas Wolfe. Ein Monstrum. Unlesbar, unverkäuflich – aber doch genial. Was tun?

Max Perkins ist der richtige Mann für diese Herkules-Aufgabe. Der Lektor des Verlagshauses Scribner’s Sons, der die Jahrhundert-Poeten F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway entdeckt und gefördert hat, versteht sein Handwerk aus dem Effeff. Er brachte schon Wolfes ersten Roman „Schau heimwärts, Engel“ in Form und machte ihn zu einem Bestseller.

„Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ heißt der Debütfilm des Theatermannes Michael Grandage (Kinostart an diesem Donnerstag), in dem es um die tiefe Freundschaft dieser beiden außergewöhnlichen Männer geht. Vor allem aber erzählt dieses Werk von der Kunst, der Kreativität und der Macht des Wortes, der Wolfe (Jude Law) und Perkins (Colin Firth) komplett erlegen sind.

Sie haben der Literatur ihr Leben, das sie zwischen Buchseiten verbringen, untergeordnet, was ihre Umwelt immer wieder (schmerzlich) zu spüren bekommt. Für Wolfes Frau (Nicole Kidman) ist schon bald kein Platz mehr in seinem Leben.

Dabei könnten die beiden Männer unterschiedlicher nicht sein. Während Perkins fast wie ein Buchhalter wirkt, der als einzige Marotte permanent einen Hut trägt – wahrscheinlich auch im Bett –, ist Thomas Wolfe der leidenschaftliche, aber total überspannte Dichter, der die Welt als eine Art Bühne sieht.

Aber Perkins glaubt an ihn, ist vom dem Zauber seiner Worte gefangen und hat ihm eine Chance gegeben, als niemand an ihn geglaubt hat. Für ihn ist Thomas Wolfe wie ein Sohn, den der mehrfache Familienvater nie hatte – und der Dichter folgt ihm willig, der in seinem Mentor eine Art Vaterersatz sieht.

„Du gibst allein Eugene 80 Seiten auf dem Bahnsteig, bevor der Zug eintrifft. Da hast du es mit dem Spannungsaufbau ein bisschen übertrieben, finde ich. Wer wartet so lange auf einen Zug?“, skizziert Perkins in einer nonchalanten Umschreibung die aberwitzige Aufgabe.

Hier hat der in Sepia-Farben getauchte und auf „alt“ getrimmte Film, der ebenfalls ein paar mehr Spannungsbögen verdient hätte, seine stärksten Momente. Wenn Lektor Perkins seinen Rotstift ansetzt und streicht, streicht und streicht, bis aus vielen Seiten nur noch ein Satz übrig bleibt: „Ihre Augen waren blau.“ Der Zuschauer ist dabei dem Prozess der Kreativität, der Kunst und der Arbeit ganz nahe. Von der Muse geküsst zu sein, reicht allein nicht. Immerhin war Wolfes Epos „Schau heimwärts, Engel“ (1929) das Kultbuch vieler Heranwachsender, bis J.D. Salinger den „Fänger im Roggen“ schrieb.

Genie sei ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration, hat der Erfinder Thomas Alva Edison gesagt. Und wer ist von den beiden das größere Genie? Perkins, der Hüter der Form, oder Wolfe, der seiner Fantasie seinen freien Lauf lässt?

Irgendwann beginnt auch der Bestseller-Autor sich zu fragen, ob sein Erfolg ohne Perkins wirklich möglich gewesen wäre. Das Drama nimmt seinen Lauf...

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