Oldenburg - Die niederländische Geigerin Isabelle van Keulen gehört zu jener Gruppe der jüngeren Generation, die ein nahezu vollständiges Kompendium aller violinistischen Tugenden und Finessen mit großartiger Selbstverständlichkeit ausbreitet.
Technische und musikalische Qualitäten sind vollendet aufeinander abgestimmt. Intonationssicherheit, Disziplin und Geschmeidigkeit ihres Spiels, das den großen schweifenden Ton ebenso kennt wie die zarte Nuance, verbinden sich mit natürlicher, spontaner Musikalität zu einem Gesamteindruck, der in jeder Weise lebendig, erfühlt und jenseits aller Stilprobleme „richtig“ wirkt. Ihr besonderes Merkmal: die genau durchdachte Phrasierung, die selbst extremste Dynamik erlaubt.
Am Anfang stand Mozarts überaus schwierige, überaus differenzierte B-Dur-Sonate KV 454; tödlich in ihrer Kompliziertheit für alle Künstler, die sich erst „einspielen“ müssen, zu bewältigen nur von Meisterinnen wie Isabelle van Keulen und ihre technisch glänzend präsente Pianistin Ulrike Payer, die vom ersten Ton an „da“ waren und eine ausgefeilte, klare, überaus intelligente und sehr ernste Interpretation gaben, die der herben Grazie des Werkes so genau wie möglich gerecht wurde. Hier war ein Mozartstil verwirklicht, der Grazie, Sensibilität, äußerste Nuanciertheit mit Kraft, plastischem Formsinn und höchstem Ernst harmonisch verband.
Dass Lutoslawskis, des polnischen Komponisten Partita für Violine und Klavier mehr ist als ein bloßes Schaustück geigerischer und klanglicher Finessen, mit Spielfeldern für improvisierte Passagen, Vogelstimmen-Imitationen, Motivspielereien versetzt, haben die beiden Solistinnen eindrucksvoll deutlich gemacht. Emotionales und Aufwühlend-Expressives, aber auch klar gegliederte Formverläufe, in denen sich Wandlungen der Motive, komplexeste Rhythmen vollziehen, fügten sich zum Eindruck eines gewichtigen, großartig packenden Werks.
Etwas „leichter“ (darin sehr französisch) nahm sich Poulencs Sonate für Violine und Klavier aus. Flexibles Vibrato und flexibler Zugriff kamen der Geigerin hier zustatten: Wenn Sentimental-Elegantes und Salonhaftes dicht beieinander stehen, wenn theatralisches Pathos flugs in Geschäftigkeit umschlägt, wenn über Vielem die Aura des leicht Verfremdeten steht.
In Brahms’ Violinsonate G-Dur op. 78 („Regenlied-Sonate“) mit ihrem lyrisch-ernsten Potential, ihrer rhapsodischen Energie, ihrer ganz „aus der Tiefe“ kommenden Spannkraft haben sich van Keulens und Payers Fähigkeiten zu gliedern, große Phrasierungsbögen zu erschließen, den durch Zitate vorgegebenen „Liederton“ zu erfassen, zum Vorteil des Werkes bewährt. Eine bewegende Wiedergabe war das Ergebnis.
