Wangerooge - Der Nebel wabert gespenstisch durch das Inseldorf, kaum dass man die nächste Straßenleuchte ausmachen kann. Aus dem Nichts taucht ein Radfahrer auf und wird vom dunklen Grau verschlungen. Bei „Bounty“ trinken die Handwerker ein spätes Feierabendbier – ganz Wangerooge scheint im Winterschlaf versunken.
Ganz Wangerooge? Nein, im Haus Wiking arbeiten drei Insulaner bis weit nach Mitternacht mit höchster Konzentration. „In dieser Woche müssen wird fertig werden“, treibt Inselchronist Hans-Jürgen Jürgens seine Mitstreiter an.
Zu Weihnachten soll der fünfte Band der „Wangerooger Chronik“ auf den Markt kommen. Der Zeitdruck ist immens. „Der Tag hat oft zehn bis zwölf Stunden und wenn das nicht reicht, nehmen wir die Nacht hinzu“, ergänzt Amelie von Ahn, die zusammen mit Hans-Dieter Ehmke für Satz und Gestaltung des neuen Buchs verantwortlich ist.
Mit Leidenschaft und Akribie hat Jürgens in fünf Jahrzehnten die Inselgeschichte in allen Facetten erforscht, ausgeleuchtet und dokumentiert. Für nahezu jedes Ereignis gibt es Quellen, Belege, Dokumente, Zeichnungen oder Fotos. Dieses Wissen weiterzugeben an nachfolgende Generationen, ist die Antriebsfeder des 88-Jährigen.
„Der neue Band umfasst den Zeitraum von 1850 bis 1900. Da ist gewaltig viel passiert auf Wangeroog und erstmals gibt es Fotografien aus jener Zeit, nämlich von der ersten Kapelle im jetzigen Dorf 1866“, berichtet Jürgens in einer der wenigen schöpferischen Pausen.
1850 habe das junge Seebad in seiner wirtschaftlichen Blüte gestanden. „Silvester 1854 war alles vorbei“, sagt Jürgens. Durch die Sturmflut in der Neujahrsnacht wurden zahllose Häuser des altes Dorfes unbewohnbar, viele Insulaner siedelten sich am Festland, zum Beispiel am Vareler Hafen und in Hooksiel, an.
Einige Unverzagte suchten sich eine neue Heimstatt in des Nähe des Leuchtturms, der gerade im Bau war. Es folgten aufregende Jahre mit der Bildung der eigenständigen Inselgemeinde 1885, Errichtung der Marine-Signalstation 1886 oder dem Bau der Eisenbahn 1887.
Auch aus dem Dreikaiserjahr 1888 gibt es spezielle Meldungen aus Wangeroog. Dazu gibt es bislang unveröffentlichte Zeichnungen und Fotos. „Einfach sensationell!“ schwärmt Hans-Dieter Ehmke. Ergänzt wird das Buch um eine Liste aller Staatsdiener im alten Westdorf: Pastoren, Lehrer und Inselvögte.
„Die Fülle des Materials ist enorm“, sagt Amelie von Ahn, während sie auf die beiden Großbildschirme schaut, an denen das Team das Buch gestaltet. „Ich muss noch 100 Seiten rausschmeißen“, ist Inselchronist Jürgens klar. Es werden wohl noch einige lange Nächte werden.
