Oldenburg - Dem Operngenuss hat Theodor Adorno einen verächtlichen Seitenblick gewidmet. Diese Kunstform lebe, so der Philosoph und Musikforscher, vom Wiedererkennen fester Muster und vertrauter Abläufe – nicht anders als beim gemeinen Schlager, ernüchternd also. Wie passt die Oldenburger Neuinszenierung von Rossinis „Barbier von Sevilla“ in diese Theorie? Gar nicht.
Keine Schablonen
Regisseur Ronny Jakubaschk hat einen Ort auf die Bühne des Großen Hauses gestellt, den niemand als „Sevilla“ identifizieren würde. Dort entwickelt er dieses Melodramma buffa zu einem zauberhaften Stück voller märchenhafter Logik, voll mit Wiedererkennungs-Signalen. Im Märchen ist jeder zu Hause, fühlt sich jeder erschauert und geborgen. Und jeder findet seine Parallelen zur Wirklichkeit.
Dieses „Sevilla“ liegt unter Wasser (Ausstattung: Matthias Koch). Der üble Bartolo, der sein Mündel Rosina und ihre Erbschaft ins Netz locken möchte, erscheint als Krake, Notar Basilio als Mischung von Schildkröte und Rochen. Graf Almaviva mutiert zum Hai, nachdem er sein Inkognito als Lindoro gelüftet hat. Drahtzieher Figaro ließe sich als Seepferdchen deuten. Und Rosina? Könnte eine Koralle sein. Es sind Figuren von sprühendem shakespearehaftem Geist. Über den Umweg, ihnen tierische Eigenheiten zu hinterlegen, gelingt der Regie ein Kunststück: Die Typen bleiben keine Schablonen, sie gewinnen vielmehr menschliche Anwandlungen.
Wenn die Inszenierung prickelnd wirkt wie eine frisch entkorkte Flasche Champagner, dann liegt das an der Dosierung. Scherz, Ironie, Skurrilität und Bedeutung sind maßvoll gemischt. Statt Auswüchsen an Komik gibt es liebevoll gestaltete Details. Da legt Lindoro in der abgeriegelten Höhle Rosina bildlich die Welt zu Füßen. Da fordern seine Helfer mit Hummerscheren ihr Trinkgeld. Da nimmt die Regie auch mal mutig das Tempo heraus, ehe Rossinis Irrwitzigkeiten alles nieder rennen.
Dieses befreiende Luftholen spiegelt sich in der Musik wieder. Dirigent Jason Weaver legt es spürbar darauf an, die instrumentale Leuchtreklame zu dimmen und die Crescendi nicht orgelnd ins Leere laufen zu lassen. Schmiss und Schmelz bleiben. Im zusätzlich dämpfenden kleinen Graben braucht das Staatsorchester nach übervorsichtigem Beginn etwas Anlauf. Aber dann spielen sich gerade die feinen Modifikationen nach vorn. Es werden auch bedrohliche Untertöne erahnbar.
Diszipliniertes Ensemble
Nicht alle Sänger sind gleichermaßen für Rossinis Sprünge zwischen Legato und Parlando, zwischen fester Tiefe und schmetternder Höhe geschaffen. Doch Michael Pegher hat seinen Tenor so beständig weiter entwickelt, dass er Lindoro/Almaviva sehr facettenreich charakterisieren kann. Paul Brady als Figaro findet zu ebenso viel Differenziertheit und Flexibilität, auch wenn seine Umtriebigkeit hier einen Schuss mehr Verschlagenheit vertrüge. Peter Felix Bauer (Bartolo) und Benjamin LeClair (Basilio) werden voll den Dimensionen ihrer Rollen gerecht. Alle, auch kleinere Rollen und der Männerchor, bestechen durch disziplinierte Ensemblekunst, was in der Premiere früh ein paar rhythmische Häkeleien entschärft.
Am stürmischsten feiern lassen darf sich Geneviève King, nicht nur, wenn sie ein hohes D an die Wasseroberfläche schleudert. Ihr Mezzo gibt der Rosina stimmlich und als Frau, die weiß, was sie will, Format.
Eine bekannte Oper, ganz anders gesehen als gewohnt. Unerhört? Überhaupt nicht!
