Oldenburg/Amsterdam - Im Festivaltrailer muss Ulrike Quade ihren Spielpartner erst aus einer Transportkiste befreien. Sie zerfetzt die Plastikfolie um seinen Kopf mit dem Messer und verschafft ihm Luft. Fast wäre er erstickt. Auf der Bühne aber ist er fit, spricht und tanzt mit ihr. Ausgerechnet Vincent van Gogh, der zu Lebzeiten so wenig Glück bei Frauen hatte.
Poetisches Spiel
Im Theaterstück wird der niederländische Maler (1853– 1890) zu neuem Leben erweckt, ebenso wie sein norwegischer Kollege Edvard Munch (1863–1944). Sie sind sich zwar nie begegnet, aber auf der Bühne treffen sie aufeinander, zwei missverstandene Genies, mit deren Bildern heutzutage Millionen verdient werden.
Als Nachbildungen treten sie in einer fiktiven TV-Show auf, in der Prominente aus der Vergangenheit sich offenbaren sollen. Was gründlich misslingt. Die beiden Künstler mit ihren Ansichten zum Kunstmarkt sind eine herbe Enttäuschung für den Moderator und den eingeladenen Kunstsammler – allesamt aus Schaumstoff.
„Munch und van Gogh – der Schrei der Sonnenblume“ ist die zweite Koproduktion von Ulrike Quade – eine Deutsche, die in Amsterdam lebt und arbeitet – und dem norwegischen Regisseur Jo Strømgren. Schon mit ihrem ersten gemeinsamen Stück über den Nobelpreisträger Knut Hamsun („The Writer“) gastierten Quade und ihre Company beim Oldenburger „Go-West-Festival“. Dritter im Bunde ist diesmal Marc Becker, Hausautor des Staatstheaters, der den Text schrieb.
Was Ulrike Quade auf der Bühne mit ihren Puppen treibt, ist außergewöhnlich. Sie selbst nennt ihr surreal-poetisches Spiel „Theater mit Puppen“, nicht etwa Puppen- oder Figurentheater. Die 42-Jährige aus Neuss hat in Utrecht/Niederlande eine Schauspielausbildung absolviert und einen Master in Bühnenbildnerei abgelegt. Seit 2006 besteht ihre Company in den Niederlanden, mit der sie international auftritt, seit 2008 wird die Gruppe staatlich gefördert. Während ihres Studiums war Hoichi Okamoto mit seinem Solo-Puppentheater in Japan einer ihrer Lehrmeister.
Wenig standfest
Ihre lebensgroßen Puppen entwirft und gestaltet sie selbst, wie eine Bildhauerin in einem langwierigen Arbeitsprozess. Im Oldenburger Kleinen Haus werden sie von ihr und ihrer Mitspielerin Cat Smits bewegt, was sich vor dem Publikum natürlich nicht verbergen lässt. Doch je länger man zuschaut, desto mehr scheinen die Schaumstoff-Schauspieler ein Eigenleben zu entwickeln.
So lebensecht wirken sie, dass Ulrike Quade immer wieder Anfragen bekommt von Zuschauern, die eine von ihr geschaffene Puppe erwerben möchten. Das lehne sie allerdings ab, sagt sie bestimmt. Das seien keine Skulpturen, die als Kunstwerk für sich stehen könnten. Mit dem Stehen hätten sie ohnehin Probleme: Ohne die stützende Hand des Schauspielers sacken van Gogh und Munch einfach in sich zusammen.
Anders auf der Bühne, dort sind sie ein Teil von Ulrike Quade, untrennbar mit ihr verbunden, quasi ein zweites Ich. Aber auch nur dort: „Nach dem Schlussapplaus packe ich die Puppen weg wie alle anderen Sachen auch“, sagt sie. Ihre Magie entfaltet sich ausschließlich im Theater, ohne Bühne „sind sie bloß Material“. Wenn auch ein verblüffend Menschliches.
