Ihlow - Der älteste Gulfhof Ostfrieslands stellt für die Archäologen eine wahre Schatzkammer dar. Das machte Dr. Sonja König für die Ostfriesische Landschaft deutlich. Das historische Gebäude in Westerende-Kirchloog, das in die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) füllt eine wichtige Lücke für die Forschung.
Hochkarätige Spenden helfen mit beim Umbau des Gulfhofes Rieken in eine Kinderkrippe mit zwei Gruppen.
100.000 Euro für die Instandsetzung des Außenmauerwerks stellt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) dank zahlreicher Spenden sowie der Lotterie GlücksSpirale zur Verfügung. Der Fördervertrag wurde überreicht durch Dörte Lossin, Ortskuratorin der DSD aus Oldenburg, im Beisein von Asmus Weber von Lotto Niedersachsen an Erika Deeken als Besitzerin des Gulfhofes. Der Landkreis Aurich hat das Projekt 60.000 Euro gefördert, die höchste Summe für so ein Projekt. Das Landesamt für Denkmalpflege gibt 15.500 Euro, die Windpark Ihlow Stiftung mit Alexander Jürgens steuert 7500 Euro bei.
Der Gulfhof Rieken gehört damit zu den über 490 Denkmalen, die die DSD aus privaten Spenden, ihrer Treuhandstiftungen sowie der Mittel der Lotterie GlücksSpirale, der Rentenlotterie von Lotto, allein in Niedersachsen fördern konnte. Mit Mitteln der DSD und anderer Förderer wurden 2020 bereits das Gulfgerüst ertüchtigt und die Dacheindeckung erneuert, um weitere Schäden vom Gebäude abzuwenden. Dabei wurde das Scheunendach im oberen Teil mit einer Reetdachhaube und im unteren Teil mit einer Dachziegeldeckung ausgeführt.
Ein Nutzungskonzept wurde erarbeitet, das die Einrichtung einer Kindertagesstätte im Gulfhof vorsieht. Dabei soll der Bau möglichst ursprünglich erhalten bleiben. Die Rohbauarbeiten haben im Juni 2023 begonnen. Beim aus Backstein errichteten Gulfhof in Kirchloog ist ein großer Teil des Walmdachs am Scheunentrakt reetgedeckt, während der untere Bereich und das gesamte Vorderhaus pfannengedeckt sind.
Denn der Gulfhof Rieken aus dem Jahr 1568 gibt Aufschluss über die Bauweise in der Zeit zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit, über die nur sehr wenig bekannt ist. „Und der Erhalt des Gulfhofes ist so gut“, betonte sie am Dienstag im Rahmen einer Scheckübergabe. Und tatsächlich bietet der Hof selbst alten Hasen eine einmalige Chance, auf immer neue Überraschungen zu stoßen.
Älter als bisher angenommen
Auch die Zisterziensermönche aus dem Kloster Ihlow (1228-1529) haben frühere Gebäude an der Stelle vielleicht noch gesehen. „Die Mönche kamen über den Münkeweg, weil hier in Westerende Torf abgebaut wurde“, mutmaßt König. Bei 2018 durchgeführten dendrochronologischen Untersuchungen wurde festgestellt, dass das Gulfgerüst wesentlich älter sei als bisher angenommen. „Es stand vermutlich auch immer an dieser Stelle“, mutmaßt König. Denn in Ostfriesland zog das Stapelwerk bei einem Umzug nicht selten mit den Bewohnern an einen neuen Standort um. Die Eichen für das Ständerwerk im Hof Rieken wurden bereits um 1568 gefällt, sodass die Errichtung noch ins 16. Jahrhundert zu datieren ist. Und es gibt Hinweise auf ältere Gebäudeteile, erklärte Grabungstechniker Matthias Oetken. Er fand im Scheunenteil drei Siedlungsschichten im gelben Unterboden, in dem sich frühere Stützbalken als schwarze Vierecke abheben. Außerdem stieß der Grabungstechniker auf Fundamente, die auf frühere Gebäude hinweisen.
Seltenes Beispiel ostfriesischer Baukunst
Somit zählt der Bau nicht nur zu den ältesten Gulfhöfen überhaupt, sondern gilt auch als seltenes Beispiel der ostfriesischen Bautätigkeit vor dem Dreißigjährigen Krieg. Der Wohnteil wurde erst 1886 neu errichtet, der Giebel des Wirtschaftsteils 1908 erneuert. Seit den 1980er Jahren wird der Wirtschaftsteil nicht mehr genutzt, seit einigen Jahren auch das Wohnhaus nicht mehr. Für Inhaberin Erika Deeken liefert die Freilegung der Innenräume ebenfalls immer neue spannende Momente. „Ich bin oft hier, verfolge die Arbeiten“, sagte sie. So verbarg sich hinter einer abgehängten Zimmerdecke im Vorderhaus beispielsweise eine filigran gestaltete Balkenlage, an denen nach dem Schlachtfest die Haken für die Schinken befestigt sind. „Das passt ein ganzes Schwein an die Decke“, kommentierte Ortsbürgermeister Martin Rieken die Haken und Balken.
Schlafbutzen hinter dem großen Schrank
Hinter einem großen Schrank verbargen sich die Türen zu den ehemaligen Schlafbutzen der Bewohner. Der Raum soll einmal als Büro für die Krippenleitung genutzt werden. „So ein schönes Büro habe ich nicht“, kommt Deeken ins Schwärmen, wenn wieder ein Detail ans Licht kommt. So gab es früher beispielsweise auch keine Tapeten an den Wänden. Die Ornamente wurden mit speziellen Motivrollen einfach auf den weißen Kalk aufgerollt. Sie wurden später von Rauhfaser-Tapeten überdeckt. Und in der ehemaligen Küche des Hauses fand Erika Deeken am Boden eine Reihe besonders gestalteter Fliesen, auf denen eine Ratte oder auch Hasen abgebildet sind. Sie geben weiter Rätsel auf. „Die sehe ich auch zum ersten Mal“, kam selbst Archäologe Oetken aus dem Staunen nicht heraus.
Wichtiges Signal für Nachhaltigkeit
Für den Architekten Wilhelm Lienstromberg ist der Umbau des Gulfhofes ein wichtiges Signal für Nachhaltigkeit und die Nachnutzung solcher historischer Anwesen. „Wir zeigen hier: aus Gulfhöfen kann man was machen. Wir trauen uns das“, betonte der Meppener und hob auch hervor, dass viele Bauwerke durch Umnutzung erhalten werden könnten. Doch immer noch verfallen Gulfhöfe. „Auch die Denkmalpfleger sind inzwischen in Sorge, weil es so nicht weitergehen kann“, spürt er hier ein Umdenken. Für Dörte Lossin, die schon viele Spendenschecks für Bauwerke überbracht hat, ist der Gulfhof Rieken ein bedeutendes Gebäude, weil viele Menschen sich noch damit identifizieren können. „Sie haben einen großen Schatz hier. Er musste unbedingt gerettet werden“, verriet sie die Reaktionen aus ihrer Stiftung. - Und auch für die Kinder, die man hier ab 2024 auf das Leben vorbereitet, werde es ein Leben lang ein besonderer Ort mit den Traditionen ihrer Heimat sein.
Scheckübergabe durch Dörte Lossin in Höhe von 100.000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und Asmus Weber von Lotto Niedersachsen für den Umbau des alten Gulfhofes in Westerende im Beisein von vielen Beteiligten.
ggm
An dieser Stelle im gelben Sandboden stieß Grabungstechniker auf frühere Stützpfosten eines anderen Gebäudes.
ggm
Die Stützpfosten sind Geschichte, aber farblich heben sie sich noch immer vom gelben Sand ab.
ggm
Das Ständerwerk ist vermutlich von Beginn an immer wieder für andere Gebäude genutzt worden.
ggm
Besitzerin Erika Deeken über den Plänen für die neue Krippe im alten Gulfhof ihrer Vorfahren.
ggm
Verblüffte Gesichter während der Führung darüber, was sich alles in dem Gulfhof verbirgt.
ggm
Hier stand mal ein großer Schrank. Beim Abbauen fanden sich dahinter die Türen der alten Butzen, in denen die Bewohner wie in Wandschränken schliefen.
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Ein uraltes Fundament fand sich unter der Sandlage in der Scheune.
ggm
