Aurich - Der Schock sitzt tief bei Matthias S. (Name von der Redaktion geändert). In der Betriebsversammlung vor knapp zwei Wochen erfuhr der 40-Jährige: Ende März 2020 muss er gehen. Nach sieben Jahren ist seine Zeit bei der Kunststofftechnologie Aurich GmbH (KTA) vorbei.

Bis Ende Februar soll die Enercon-Tochter noch Rotorblätter produzieren, dann ist Schluss. Wie aus heiterem Himmel sei das gekommen, sagt S.. Er gehört zu rund 200 Kolleginnen und Kollegen bei KTA, die dasselbe Schicksal ereilt. 200 von rund 1500 am Standort Aurich.

Die Krise der Windkraftbranche im Allgemeinen und bei Enercon im Besonderen trifft Einzelne und ganze Familien. Und das wenige Wochen vor Weihnachten. „Schlechte Nachrichten gibt es irgendwie immer zu dieser Zeit bei Enercon“, hat der gelernte Möbeltischler beobachtet.

Dies ist nicht die erste Entlassungswelle beim größten deutschen Windenergieanlagen-Hersteller. 2018, allerdings deutlich vor Weihnachten, nämlich im Sommer, hatte Enercon den Abbau mehrerer Hundert Stellen verkündet. Es traf unter anderem knapp 200 Menschen bei WEC Turmbau im Emder Hafen.

Matthias S. fühlt sich hilflos, alleingelassen, unverstanden. „Viele Menschen haben wenig Verständnis für die Windkraftindustrie. Und die Politik hilft uns auch nicht“, sagt er. Trotzdem: Die gesamte Schuld für das Enercon-Dilemma bei der Bundes- und Landespolitik zu suchen, sei falsch. Die Probleme, deren Folgen die Kollegen jetzt drastisch zu spüren bekommen, sind aus der Sicht des Handwerkers hausgemacht. „Enercon will die Kosten drücken.“ Eine Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer sei die Konsequenz. Das ist auch die Einschätzung der IG Metall, die derzeit versucht, an Arbeitsplätzen zu retten, was noch zu retten ist. Die Chancen stehen eben nicht gut. In der Türkei läuft die Rotorblattfertigung bereits, in Indien ist ein Werk geplant, und in Russland befinde sich eine Fabrik im Aufbau, sagt Matthias S.. Enercon-Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig hat die Rotorproduktion in Deutschland quasi beerdigt.

Dabei werde bei Enercon seit Jahren unter Tarif bezahlt, erzählt S.. „Trotzdem ist es immer noch mehr als bei den meisten Betrieben in Ostfriesland“, sagt er. Entsprechend sei der Lebensstandard der einzelnen Kollegen. „Man hat sich doch im Laufe der Zeit etwas aufgebaut.“ Viele, schätzt S., würden nun ihren Lebensstandard deutlich herunterschrauben müssen. Industriearbeitsplätze gäbe es in Ostfriesland schließlich nicht wie Sand am Meer.

Matthias S. spricht von „Existenzängsten“ in der Belegschaft. Er selbst ist verheiratet, Kinder hat das Paar nicht. Einen Vorverkaufsvertrag für ein Haus hat er jetzt erst einmal zu den Akten gelegt.

Andere, sagt er, trifft es schlimmer. Ein Kollege, so erzählt Matthias S., habe vor Kurzem einen Kaufvertrag für ein Haus unterschrieben – einen Tag, bevor die Entlassungen verkündet wurden. „Dieser Mann hat eine Familie mit Kindern. Das ist ganz, ganz bitter.“ S. hört solche persönlichen Dramen „von allen Seiten“. Auch von den schon etwas Älteren. „Wer findet denn noch einen Job, wenn er über 50 ist?“ Betroffen von den Entlassungen seien auch Polen, Russen und Portugiesen, die das Unternehmen mit Prämien nach Ostfriesland gelockt habe. „Was machen die? Gehen die zurück?“ Die Verzweiflung sei groß. „Da waren welche so wütend, dass sie ihre Stempelkarten zerbrochen haben. Diese Leute hat man dann gleich nach Hause geschickt. Wegen Zerstörung von Firmeneigentum.“

Die betriebliche Depression ist für den Mann, der vor seiner Zeit bei Enercon bei einem ostfriesischen Holz-Betrieb und davor schon einmal bei Enercon beschäftigt war, überall greifbar. „Die Motivation ist natürlich im Keller. Viele feiern krank.“ Dazu trage vermutlich auch bei, dass exakt an dem Tag, an dem die Hiobsbotschaft in den einzelnen Betrieben mitgeteilt wurde, bei eBay eine Stellenanzeige einer Auricher Zeitarbeitsagentur veröffentlicht wurde. Darin werden Schlosser- und Tischlerhelfer gesucht, für einen „renommierten Großkunden“ aus der Sparte Erneuerbare Energien. „Die nächste GmbH steht schon in den Startlöchern“, mutmaßt Matthias S..

Zwei Jahre lang war er im Betriebsrat. „Weil ich etwas für die Kollegen zum Besseren bewirken wollte.“ Doch dort folgte schnell die Ernüchterung.

Sein Eindruck: Die Mehrheit der Betriebsratsmitglieder sei mehr auf der Seite der Geschäftsführung gewesen als auf der Seite der Beschäftigten. Als ich gemerkt habe, dass ich nichts erreichen kann, habe ich aufgehört.“

Die KTA-Beschäftigten haben, so sieht es Matthias S., einiges in Kauf genommen, um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Er zählt dazu die Streichung des Sonntagszuschlags und angeordnete Mehrarbeit.

Auch den Arbeitsschutz im Betrieb sieht er kritisch. Er selbst habe eine mehrere Zentimeter lange Narbe von einer Verletzung davongetragen, die er bei einem Sturz auf einer Treppe erlitt. „Eine Treppe mit ungleichen Stufen“, wie Matthias S. betont. Das alles aber waren für ihn keine Gründe, den Arbeitgeber zu wechseln. „Man ist doch froh über einen festen Job und dass man nicht bei einer Leiharbeitsfirma beschäftigt ist.“

Mittlerweile gibt es nach S. Beobachtungen auch äußerlich deutliche Anzeichen dafür, dass das Unternehmen eine Zäsur vornimmt. „Die Registrier-Nummern an sämtlichen Geräten wurden geändert. Die Nummern stehen dort zwar noch drauf, aber die drei Buchstaben KTA sind verschwunden.“ Material, Werkzeuge und Geräte gehörten ohnehin Enercon und nicht KTA, sagt Matthias S..

Er und viele seiner Kollegen verstehen die Welt nicht mehr. „Dass man so unfair mit uns umgeht, hätte ich einfach nicht erwartet.“

Die letzten Hoffnungen ruhen nun auf Verhandlungen mit der IG Metall. Die Erfolgsaussichten sind nicht sonderlich rosig. Und das nicht nur, weil Enercon Gewerkschaften gegenüber äußerst reserviert sein soll (was die IG Metall auf Nachfrage bestätigt).

Entsprechend gering ist der Organisationsgrad im Auricher Unternehmen.

Obwohl das vorzeitige Ende Hunderter Beschäftigungsverhältnisse seit einer Woche beschlossene Sache ist, soll der Betrieb bis Ende Februar wie bisher weiterlaufen. Matthias S.: „Als wenn nichts geschehen wäre, werden die Kollegen weiter unter Druck gesetzt.“

Axel Milkert
Axel Milkert Emder Zeitung (Leitung)