Aurich - Die Fahrradfahrerin winkt, der Spaziergänger holt sein Smartphone aus der Tasche und macht ein Foto. Würde Harald van Lengen für jedes Bild von seinem Hausboot einen Euro kassieren – der 53-Jährige hätte längst ein kleines Vermögen zusammen. Denn die blau-weiße „Ochtelbur“ fällt auf. Sie ist ein Hingucker – und ein beliebtes Motiv auf dem Ems-Jade-Kanal zwischen Emden und Wilhelmshaven. Das ist das Revier der „Ochtelbur“, der Hafen Aurich ist ihr Zuhause.
Dort steht Harald von Lengen an diesem Mittag. Er ist aus dem westfälischen Versmold angereist. Zwischen zwei Vermietungen schaut er nach dem Rechten. Das Hausboot ist fünf Jahre alt. Als es im Frühjahr zum Verkauf steht, schlägt der gebürtige Weeneraner zu.
„Genau sowas habe ich gesucht“, sagt van Lengen. Ein Leben auf dem Hausboot, auf dem Wasser: Das wäre was für ihn. Etwas für später, für die Rente. Jetzt vermietet er das Hausboot. Doch was erwartet die Gäste? Wir haben uns die „Ochtelbur“ einmal genauer angeschaut
Die Ausstattung
30 Quadratmeter Wohnfläche. Was passt da schon rein? Im Fall der „Ochtelbur“ eine Menge. Die Küche bietet fast alles, was es auch in einer Ferienwohnung gibt: einen Kühlschrank, einen Gasherd mit zwei Platten, eine schmale Spüle. Nur der Backofen fehlt. Der Esstisch ist für vier Personen etwas klein, dafür verstecken sich unter der Tischplatte sechs Schubladen. Stauraum gibt es genug – selbst über und unter dem Fernseher.
Nachts geht es in eines der beiden Schlafzimmer. Dort steht jeweils ein 1,40 Meter breites Bett. Das ist nicht riesig, reicht aber. Genau das gilt auch für das komplett eingerichtete Badezimmer. Die Dusche ist großzügig, es gibt eine Toilette und ein Waschbecken. Wer lieber auswärts duscht, kann die Anlagen im Auricher Hafen nutzen.
Wer nicht nur mit der „Ochtelbur“ schippern, sondern auf ihr surfen möchte, wird enttäuscht. Internet gibt es auf dem Hausboot nicht. Aber das kostenlose WLAN in der Auricher Innenstadt deckt auch den Hafen ab. Die Verbindung ist stabil. Nachrichten gehen entspannt raus.
Die Voraussetzungen
Einmal Kapitän sein. Diesen Wunsch kann sich jeder auf dem Hausboot erfüllen. Für die „Ochtelbur“ braucht man keinen Führerschein. Zum Start gibt es eine einstündige Einweisung. Zwei erfahrene Kapitäne zeigen, wie man den Steuerstand bedient, manövriert, an- und ablegt. Auch das richtige Schleusen und ein Crashkurs Schifffahrtszeichen gehören zu. Dann kann es losgehen. Ach, Sie wollen gar nicht fahren? Auch das ist kein Problem. Die „Ochtelbur“ kann auch im Hafen Aurich liegen. Sie ist dann einfach ein Ferienhaus auf dem Wasser – und sicher festgemacht.
Die Versicherung
„Bislang ist nichts passiert“, sagt Harald van Lengen. Und wenn doch, springt eine Versicherung ein. 1000 Euro Selbstbehalt bleiben im Schadensfall für den Mieter. Aber bislang ist ja alles gut gegangen. . .
Die Fahrt
Mal eben schnell nach Emden oder fix nach Wilhelmshaven. Das geht mit der „Ochtelbur“ nicht. Ein Hausboot ist nichts für Eilige. Mit fünf bis sieben Stundenkilometern zuckelt man über den Ems-Jade-Kanal. Das ist Entschleunigung. Mit Gelassenheit und Ruhe läuft es am besten – und das Hausboot bleibt auf Kurs. Der Grundsatz: „Je langsamer ich fahre, umso besser kann ich das Boot steuern“, erklärt einer der Kapitäne, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch beim Schleusen und an den Brücken ist Geduld gefragt. Alleine vier Schleusen liegen zwischen Aurich und Wilhelmshaven. Da wird die Strecke zur mehrtägigen Tour. „Ich empfehle drei Tage. Man kann es auch in zwei Tagen schaffen“, erklärt der junge Mann. Aber wie war das noch gleich mit der Entschleunigung?
Der Name
Bleibt das Rätsel um den Namen. Warum heißt das Boot „Ochtelbur“? Das geht auf den Erbauer und den Ortsteil der Gemeinde Ihlow zurück. Harald van Lengen überlegt, das Boot umzubenennen. „Vielleicht in Knappen-Kutter.“ Knappen heißen nämlich die Fußballer seines Lieblingsclubs Schalke 04.
