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Landkreis Aurich Tagespflege für Kinder soll besser bezahlt werden – trotzdem gibt es Kritik

Werner Jürgens

Aurich - Zukünftig werden Kindertagespflegekräfte im Landkreis Aurich mehr Geld bekommen. Der Jugendhilfeausschuss, der Donnerstag in der „Alten Schmiede“ in Middels tagte, votierte für eine neue Satzung, die dies ermöglicht. Die anwesenden Tagespflegekräfte waren trotzdem nicht zufrieden – für sie gehen die Änderungen nicht weit genug.

Dass eine Anpassung der Satzung überfällig war, räumte Doris Weimer vom Amt für Kinder, Jugend und Familie offen ein. Die aktuelle Fassung stammt noch von vor zehn Jahren. Das Thema wurde auch bereits des Öfteren im Ausschuss debattiert, jedoch wegen der Corona-Beschränkungen stets ergebnislos vertagt.

Fast 630.000 Betreuungsstunden

Dabei leisten die derzeit im Landkreis Aurich tätigen 155 Tagespflegekräfte gute Arbeit. Nach den Zahlen, die Weimer präsentierte, haben sie im vergangenen Jahr 1264 Kinder betreut und kamen auf fast 630.000 Betreuungsstunden. Ab dem 1. Januar will der Landreis ihnen nun mindestens vier Euro pro Stunde bezahlen. Der Betrag setzt sich zusammen aus einer Sachkostenpauschale (1,95 Euro) und dem so genannten „Anerkenntnisbetrag“ (2,05 Euro). Bisher lag das Honorar bei knapp über drei Euro. In Anbetracht der Tatsache, dass bis zu fünf Kinder betreut werden dürfen, klingt das zunächst gar nicht schlecht. Zudem kommt man damit schon dem relativ nahe, was die Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen (BvK) einfordert, nämlich 4,20 Euro als Mindeststundensatz.

Diese Summe könnten Tagespflegekräfte ab 2021 im Landkreis Aurich auch verdienen, sofern sie die erforderliche Qualifikation mitbringen. Denn die neue Satzung sieht eine Staffelung vor mit einem Maximalbetrag von bis zu 4,35 Euro, den jedoch nur Fachkräften wie ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher erhalten würden. Der BvK hält bei solchen höher qualifizierten Tagespflegekräften übrigens 5,50 Euro für angemessen. Daran machte sich ein Kritikpunkt fest.

Landkreis setzt stärker auf Qualifikation

Wie Doris Weimer ausführte, möchte der Landkreis Aurich statt auf Berufsjahre stärker auf Qualifikation setzen und diese auch fördern. „Ich verstehe nicht, wo da der Anreiz sein soll“, monierte Ausschussmitglied Agnes Bracklo (Gruppe BWM) mit Blick auf den Status der Tagespflegekräfte. Die meisten könnten solche Qualifikationen nicht vorweisen und müssten sich erst fortbilden. Allein um den Sprung von 4 Euro auf 4,10 Euro Stundenlohn zu schaffen, seien rund 560 Unterrichtsstunden notwendig. Um 4,20 Euro zu verdienen, brauche man das Niveau von Sozialassistenten. Die Zahl der Tagespflegekräfte, die das im Landkreis Aurich mindestens erfüllen, liegt nach Angaben von Weimar momentan bei gerade einmal 35 Personen.

Ähnlich kontrovers diskutiert wurden am Donnerstag die Urlaubs- und Krankheitstage, in denen die Tagespflegekräfte weiter bezahlt werden sollen, auch wenn ein Kind von ihnen dann nicht betreut wird. Ursprünglich sah die neue Satzung hier eine Karenz von 30 Tagen vor, die schließlich noch einmal auf 42 Tage erhöht wurde. Allerdings ist das den meisten Tagespflegekräften nach wie vor zu wenig, da diese Marke gemäß ihrer Erfahrung vor allem bei mehreren betreuten Kindern recht schnell überschritten wird. Für Regina Helmerichs vom Auricher BvK-Regionalverband schränkt das die Planungssicherheit ein, „und wir dürfen weiter das ganze Risiko tragen“, sagte sie in der Ausschusssitzung. Dem hielt Weimer entgegen, dass wegen der besonderen Vertragssituation ein gewisses Risiko tatsächlich stets unweigerlich vorhanden bleibe, weil die Tagespflegekräfte vom Status her eben selbstständig seien.

Kreistag muss Satzung noch absegnen

Immerhin dürfte die nächste Anpassung wohl keine zehn Jahre dauern. Laut der neuen Satzung soll nach zwei Jahren eine Evaluierung stattfinden. „Unser Schwerpunkt gilt in erster Linie dem Wohl und dem Interesse des Kindes“, wie Michael von Prüssing vom Amt für Kinder, Jugend und Familie klarstellte. In dem Zusammenhang seien die Tagespflegekräfte eine Ergänzung zum Ausbau der Krippen, die in den Augen von Weimer und dem Ersten Kreisrat Dr. Frank Puchert die „wachsende Säule“ der Kinderbetreuung darstellen, wie Puchert es formulierte.

Hochgradig verärgert waren einige Ausschussmitglieder darüber, dass sie den fertigen Satzungsentwurf erst am Montag einsehen konnten. „Da bleibt mir doch kaum Zeit, mich wirklich intensiv damit auseinanderzusetzen“, kritisiert Grünen-Politikerin Beate Jeromin-Oldewurtel. Agnes Bracklo ging noch einen Schritt weiter und sprach gar von einer „Schande“ in Anbetracht der Bedeutung des Themas. Damit die neue Satzung endgültig in Kraft treten kann, muss sie noch vom Kreistag abgesegnet werden. Dessen nächste Sitzung findet am 1. Oktober statt. Sollte die Satzung dort in der vorliegenden Form bestätigt werden, wird der Landkreis dafür laut Doris Weimer rund 650.000 Euro zusätzlich in seinem Haushalt einplanen müssen.

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