Ostfriesland - Viele Tausend Ostfriesen verließen in den vergangenen beiden Jahrhunderten ihre Heimat, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Doch bevor sie amerikanischen Boden betraten, musste der Atlantik überwunden werden. Danach führte der Weg für viele in den mittleren Westen, nach Iowa oder Illinois. Nicht nur die Häfen an der amerikanischen Ostküste wie Baltimore oder New York wurden von den Auswandererschiffen angesteuert. Für Redolf Tjarks Janhsen aus Lintelermarsch im
Reisepass für Jann Janshen Buhr für die Überfahrt nach Amerika. So einen Pass musste auch Redolf Janshen beantragen, um seine Auswanderung vorzubereiten. Bild: Archiv Fischer
Norderland ist im Jahr 1849 nach 52 Tagen auf See die Hafenstadt New Orleans der Zielort. Die „Columbus“ hat den Golf von Mexico passiert und legt in der Mündung des Mississippi an. Seine Reise wird Redolf später, am 20. März 1850, in seinen Reiseerinnerungen festhalten, als er bereits über 2000 Meilen den Mississippi aufwärts gefahren ist und in seinem Zielort Stillwater im Kernland vieler Ostfriesen angekommen ist.
„Lieber Vater, Schwager, Brüder u. Schwestern. Ich bin jetzt im Gebiet oder Territorium Minnesota, gleich nach Iowa. In Bremerhaven sind billige Sachen und Waren zu kaufen, weil es eine Freistadt ist. Die Geschäftsleute sind aber Betrüger, um den Auswanderern das Geld ab zu prellen. Mich haben sie alle nicht betrogen“, schreibt Redolf, der am Sonntag, 15. September 1849 das Dreimastschiff „Columbus“ betritt, mit 313 Mann Besatzung. Die erste Kajüte kostet 80 Taler, 52 Taler zweite Kajüte und 45 Taler kostet die Logis für die 232 Zwischendeckspassagiere. Die zweiten Kajütsleute werden nicht bevorzugt, erhalten dasselbe Essen und Trinken und müssen es sich selbst holen, gibt Redolf einen Einblick in die Speisekarte.
„Des Sonntags Reissuppe mit Klößen,
Montag Fleisch mit gelben Erbsen nebst Speck,
Dienstag erst Buskohl, dann Sauerkrautsuppe nebst Fleisch,
Mittwoch Grützsuppe nebst Fleisch,
Donnerstag weiße Bohnen nebst Fleisch,
Freitag gelbe Erbsen nebst Speck,
Samstag Grützsuppe mit Heringen.“
Ferner gibt es morgens Kaffee, mittags Wasser, abends Tee wie auch 1/8 Krug Essig. Wöchentlich werden Schwarzbrot und Weißbrot ausgeteilt, ebenso Pfeffer. „Es ist gut, wenn man sich mit solchen Nebensächlichkeiten selbst versehen hat. Auch Mehl und Sirup ist vortrefflich, weil das Essen gewöhnlich recht salzig ist. So kann man sich des Abends Leckerbissen machen, da man kochendes Wasser bekommen kann“, schreibt der Auswanderer. Auch Butter wird genug ausgeteilt, erfährt der 24-Jährige. „Es ist gut, wenn man sich mit altem Käse, Fleisch und Schinken versieht, der frische Käse ist mir verdorben.“
Und auch sonst hat Redolf einige Tipps für die Daheimgebliebenen parat, etwa zum Reisegeld. „Man braucht nicht zu den bevollmächtigten Agenten in Norden gehen“, schreibt Redolf. Besser sei es, die Schiffe im Hafen selbst zu prüfen. „Man geht darauf und besichtigt sie“, stellt der junge Norder fest, der lieber „hinter dem Rücken“ Erkundigungen Informationen einholt, die „man bei jedem Gastwirt erfährt“.
Urkunde der Reederei für die Überfahrt von Jann Janshen Buhr nach Amerika. Bild: Archiv Fischer
Wenn dann ein Schiff ausgewählt sei, verhandele man mit dem Reeder oder Kapitän über die Passage. „Auf unserem Schiff waren welche, die über 40 Taler alles in Gold. Es gab welche, die 35 Taler wie wir, und welche, die nur 30 Taler und noch weniger bezahlt hatten“. Die Mannschaft auf seinem Schiff ist während der Überfahrt meist gesund. Es gibt einen Apotheker an Bord, der ebenfalls auswandern will. „Als wir auf See kamen, wurden viele seekrank, was sich aber bald wieder besserte, wenn das Schiff sich nicht so stark bewegte“, schreibt Redolf an die Eltern. Doch nicht alle Passagiere sollen Amerika erreichen, denn vier kleine Kinder und „drei alte schwache Personen“ überleben die Strapazen nicht. Doch es gibt auch neue Eindrücke, die Redolf, der kaum aus Norden fortgekommen ist, begeistern. „Die Ansichten von England, Frankreich, wie auch nachher Madeira, Domingo und Cuba machten uns Zeitvertreib, wo alle dann auf Deck waren“, schreibt er. Er selbst wird nicht seekrank, schreibt er den Eltern, „doch ist man etwas schwindelich und hat keine Esslust, wenn das Schiff so hin und her schwankt“. Aber in den letzten Wochen, als die Nordsee, England und Frankreich hinter der Columbus liegen, ist die See so zahm, „als wenn es still stünde, und ein jeder war so munter.“
In New Orleans angekommen, führt der Seeweg am 15. Mai 1850 über 1200 Meilen weiter nach St. Louis. Das Dampfschiff „Constitution“ gilt als eines der größten und besten in New Orleans. Für den Törn zahlt Redolf zweieinhalb Dollar und muss sich selbst verpflegen. „Der gewöhnliche Preis ist drei Dollar“, hat der junge Norder auch hier Verhandlungsgeschick bewiesen. Dann geht es für vier Dollar mit dem größten Dampfschiff „Dr. Franklin“ über 800 Meilen weiter bis nach Galena und nach Stillwater. Und der Mississippi hat seine eigenen Preise, die nicht immer gleich sind.
„Er ist nicht so breit und tief wie unten. Sie können nicht so schnell fahren“
, schreibt Redolf, der nach Meilen gerechnet, mehr zahlen muss. Dann wird er erneut von der beeindruckenden Kulisse gefesselt.
„Die Ansichten von New Orleans den Mississippi hinauf sind wirklich schön, man sieht Städte, Dörfer und Bauernhöfe, angebaute Felder und solche, die sich noch im Naturzustand befinden“
, fügt er seinem Brief hinzu.
