Aurich - Bei zwei Senkungen in einem geplanten Siedlungsgebiet in Aurich handelt es sich offenbar doch nicht um Relikte aus der Eiszeit, die Pingos genannt werden. Das machte Eike Bruns für das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) deutlich. Solche Pingos würden den Neubauten langfristig Probleme durch Absenkungen bereiten. Die Geologen hätten das Gelände geprüft, sagte Eike Bruns. „Wir sind zu der Bewertung gekommen, dass dort keine schützenswerten Pingos zu erwarten sind“, betonte Bruns. Die Prüfung habe im Rahmen eines im Vorfeld für Bauflächen üblichen Verfahrens stattgefunden, bei dem die so genannten Träger öffentlicher Belange um eine Stellungnahme gehört werden. „Vermutlich handelt es sich um Moorverlandungen“, stellte Bruns fest.
„Die Geologen kennen keine Pingos“
Den Esenser Pingo-Experten und pensionierte Geografie-Lehrer wundert das Ergebnis nicht, wie er auf NWZ-Nachfrage sagte. Das LBEG habe bisher noch nie eine Pingo-Ruine anerkannt. „Die Geologen kennen keine Pingo-Ruinen. Warum? Das ist mir ein Rätsel. Was man nicht kennt, gibt es nicht“, stellte Axel Heinze fest. Eine NWZ-Nachfrage beim Institut für Geologie an der Universität Hamburg bestätigt diese Einschätzung. „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir aktuell keinen Experten oder Expertin haben, der oder die Ihnen zu diesem Thema Auskunft geben kann“, teilt Uni-Sprecher Niklas Keller mit. „In manchen Bereichen Ostfrieslands und den Niederlanden liegen die Pingos Loch neben Loch“, betonte der Esenser. Es gebe beispielsweise das Runde Moor in Zetel, wo die Gemeinde bereits Bauland mit einer
Pingo-Ruine gekauft hatte, um dann dort schlussendlich doch nicht zu bauen. „Das ist kein Baugrund – und metertief“, warnte Heinze. Aber als Feuchtbiotop wären die Löcher aus der Eiszeit ideal. Das habe man im niederländischen Drenthe eingesehen, wo man in einem Gewerbegebiet zwei Pingo-Ruinen fand. „Wir brauchen dringend eine Kartierung für die Pingo-Ruinen“, sagt Heinze. Diese gebe es inzwischen bereits in den Niederlanden. Auf der niedersächsischen Höhenkarte seien sie durch die Tiefenangaben ebenfalls zu erkennen, beispielsweise im Wrok-Moor bei Friedeburg.
Die Naturschützer fordern eine Unterschutzstellung
Nachdem der Naturschutzbund und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sowie die Bürgerinitiative „Bilanz“ bereits im Juli einen Antrag auf Unterschutzstellung beim Landkreis Aurich eingereicht hatten, kam jetzt Bewegung in die Sache. Der Esenser Pingo-Experte und pensionierte Lehrer Axel Heinze, der sich
An dieser Eiszeit-Ruine bei Esens sieht man die Pingo-Form ganz deutlich. Bild: ggm/Archiv
seit vielen Jahren mit diesem geologischen Phänomen beschäftigt, kennt die beiden Bodenformationen. Heinze warnt davor, auf solchen Pingos Gebäude zu errichten, hält das für „groben Unfug“.
Für Hermann Ihnen vom Naturschutzbund Aurich ist das Thema durch die LBEG-Bewertung ebenfalls nicht vom Tisch. „Wir sind ebenfalls von den Pingos überzeugt und wollen eine genaue Untersuchung der Flächen“, sagte Ihnen. Dafür könne die Natur- und Denkmalschutzbehörde ein Initialrecht ausüben. Eine Anfrage an den Landkreis Aurich laufe bereits. Außerdem sieht es der Naturschutz „als Straftat“ an, auf dem Gelände bauen zu wollen, weil dort Kiebitze ihren Lebensraum haben.
Pingo ist ein anderes Wort für „schwangere Frau“
Ein Pingo, in der Sprache der Inuit das Wort für „schwangere Frau“, entstand in Weichsel-Eiszeit vor 17.000 Jahren, wenn ein Eiskern mit Grundwasser darunter wie ein bis zu 300 Meter breiter Hügel oder „der Bauch einer schwangeren Frau“ bis zu 100 Meter in die Höhe wuchs, um beim Abschmelzen wieder flach zu werden und in sich zusammenzufallen. Zurück blieb ein viele Meter tiefes Loch, auf dem man nach Meinung von Heinze nicht bauen sollte.
