Aurich/Leer - Ob die Schallplatte angesichts von Spotify und YouTube heute noch einen besonderen Stellenwert hat. „Aber sowas von“, muss Silvia Seeberg (56) nicht lange überlegen. Konzentriert blättert die Victorburerin in einer der Kisten, in denen die Cover samt Inhalt akurat eingeordnet sind. Mit ihrer Freundin Waltraut Götz (57) aus Moordorf ist Seeberg an diesem etwas regnerischen Mittwochnachmittag eine der ersten auf dem Parkplatz des Bening-Elektromarktes, um in den gelben Schulbus von Michael Lohrmann (53) einzusteigen. AC/DC steht auf ihrem Wunschzettel, doch die Platten hat sich einen Tag vorher in Leer beim dortigen Bening-Zwischenstopp schon ein Liebhaber gesichert. „Der wollte gleich acht Schallplatten mitnehmen“, sagt der Dortmunder Händler.
Den Schulbus aus Florida entdeckt
Mit seinem Schulbus aus Florida, den er in Süddeutschland bei einem US-Importeur entdeckte, hat sich der frühere Verleger von Musik-Zeitschriften, darunter die „Mint“, vor fünf Jahren einen Traum verwirklicht. In seinem Haus hatte der Dortmunder Rockmusik-Fan bereits eine beträchtliche Plattensammlung stehen. 2018 verkaufte er seinen Verlag und begann weitere private Plattensammlungen aufzukaufen, um ab 2019 damit bis heute mit dem gelben Bus aus dem Jahr 2003 durch Deutschland zu reisen. „Dann kam mit Corona erstmal eine Zwangspause“, sagt er rückblickend. Inzwischen ist er jedoch mit seinem rollenden Schallplattenladen gut im Geschäft.
Michael Lohrmann verkauft in seinem gelben Schulbus aus Florida Schallplatten und weckt Erinnerungen. BILD: ggm
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Die beste Zeit meines Lebens“: Willi Buss aus Großheide hat schon viel gesehen und gräbt in seinen Erinnerungen.
ggmBevor die Reise losging, machten sich zahlreiche Handwerker im Bus an die Arbeit. Die schwarzen Scheiben haben in der Szene immer noch einen guten Klang, sagt auch Seeberg, die es schätzt, wenn sich in ruhigen Stunden mit ihrem Mann Theo die Lieblingssongs auf dem Spieler drehen, die sie und ihre Freundin Waltraud noch aus ihren „wilden Tagen“ in Diskotheken wie Old Inn in Sandhorst oder auch Thun in Moorhusen kennt. Selbst ihr Sohn ist schon infiziert, schmunzelt die Victorburerin.
Erinnerungen an Meta und das „Ambassador“
Für Willi Buss (77) aus Großheide ist der gelbe Bus eine Zeitmaschine in die Vergangenheit. Er hielt 1970 stolz seine erste Schallplatte von den Rolling Stones in den Händen, als er seine ersten musikalischen Gehversuche bei Meta hinterm Deich in Nörddiek machte. Aber auch das „Holtenpoort“ oder „Moulin Rouge“ in Emden sind ihm noch vertraut.
Er bereut keine Sekunde. „Das war die beste Zeit, was Musik und Lebensgefühl angeht“, erlebte Buss die „progressive Musik“ der 1970er, vertrieb sich die Zeit im Auricher „Ambassador“ oder auf dem Jahrmarkt an Kalli Meyers Musikkarussell. „Und auch sonst lief alles gut, ohne Krieg und immer Arbeit gehabt“, sagt er. spart er nicht mit Lob für das Angebot im gelben Schulbus. „Platten höre ich sehr oft in der Woche“, schwärmt er. Und natürlich dreht sich dann auch „Hackney Diamonds“, die neue Stones-LP auf dem Plattenteller. „Aber die Preise sind mit 33 Euro für eine Platte schon gepfeffert“, sagt er.
Es wird eng bei privaten Sammlungen
„Darf ich mal durch?“ Langsam füllt sich der gelbe Bus, in dem die Schulbussitze als erste den Kisten für die Schallplatten weichen mussten, die rechts und links im Durchgang nicht mehr viel Platz für zwei Menschen liefern. Michael Lohrmann kommt kaum nach mit dem Kassieren. Er ist in seinem Element, hat 4000 Platten in seinem Bus, dabei nochmal 2000 Platten unterm Tresen parat. Zuhause kann im Ruhrgebiet kann er auf 30.000 Schallplatten zurückgreifen. „Aber die privaten Sammlungen werden nicht mehr im großen Stil verkauft“, beobachtet auch er eine Wende. „Auf dem Markt ist es eng geworden“, sieht er die Renaissance der schwarzen Scheiben noch nicht am Ende.
