Großefehn - Sich von seinem Handwerk lösen, kann der 87-jährige Großefehntjer nur schwer. Es war immer seine Leidenschaft, die seinen Tagesablauf bis vor kurzem bestimmte. Kurt Becker ist einer der wenigen Ostfriesen, die das Schuhmacherhandwerk noch meisterlich beherrschen. Im Bezirk der Handwerkskammer für Ostfriesland sind nur noch vier Betriebe gelistet. Die Aufgabe der Schusterei Becker wiegt daher schwer.
Ein wehmütiger Abschied
Bis 2004 führte er mit seiner Frau Anna ein Schuhgeschäft in Strackholt am Hinterfenkenweg und eine Filiale in Großefehn. Nach seinem Ruhestand zog Kurt Becker mit seiner Werkstatt in die Garage auf etwa zwölf Quadratmeter. Von dort bot er seine Reparaturen und Lederarbeiten noch bis Anfang des Jahres halbtags an. „Ich habe so lange gearbeitet, wie ich konnte, aber jetzt machen die Augen nicht mehr so richtig mit“, sagt er wehmütig. In den Regalen in seiner Werkstatt sind allerhand Werkzeuge, Leisten und Schuhe vom roten Stiletto über schwarze Boots bis hin zu braunen Hausschuhen aufgereiht.
Das Handwerk hat ihn und seine Frau mehr als 65 Jahre lang begleitet. Und so feiern die beiden in diesem Jahr neben der eisernen Hochzeit nach 65-jähriger Ehe auch das 65. Meisterbestehen. Angefangen hatte alles in der Nachkriegszeit. Damals begann Kurt Becker im Alter von 15 Jahren auf Wunsch seiner Mutter am 1. April 1950 eine Lehre beim Schuhmacher Arnold Heyen in Strackholt. Seine Familie stammt aus Ostpreußen, wo sein im Krieg gefallener Onkel als Schuhmacher tätig war. Kurt Becker sollte in seine Fußstapfen treten. Mit 18 Jahren hatte er seinen Gesellenbrief in der Tasche und wollte Geld verdienen. Schon damals hatte er ein Auge auf seine vier Jahre jüngere Frau geworfen. „Aber wir mussten warten, bis wir alt genug zum Heiraten waren. Außerdem war der Verdienst als Schuhmacher sehr gering“, erzählt er.
Dann verschlug es ihn für eine Zeit nach Bochum, wo Erich, einer seiner zwei Brüder, auf dem Bau arbeitete. Als Handlanger schlug er sich durch, bis ein schwerer Wintereinbruch die Baustellen stilllegte. Sein früherer Chef bot ihm seine alte Stelle an. Als neuer Bürgermeister von Strackholt brauchte er Unterstützung. So zog Kurt Becker um 1954 wieder zurück nach Ostfriesland, pachtete drei Jahre später die Werkstatt, heiratete seine Frau, bekam einen Sohn und legte im November 1957 die Meisterprüfung in der Handwerkskammer Aurich ab. Ein Jahr später, 1958, bezog die junge Familie das neue Wohnhaus mit Werkstatt und Geschäftsräumen. Damals war er 23 und seine Frau 19 Jahre alt.
Gut ausgelastet
Das Familienunternehmen florierte. Eine weitere Filiale in Großefehn wurde 1977 eröffnet. Unterstützung erhielt Ehefrau Anna im Verkauf von Gerda van Lengen, die zur Schuhfachverkäuferin ausgebildet wurde und den Beckers bis zuletzt die Treue hielt. Angeboten wurden Markenschuhe aller Art, Sportschuhe und -bekleidung sowie Taschen. Auch die Schuhwerkstatt war gut ausgelastet. Ob es nun die Reparatur von Schuhen, Planen, Koffern, Gürteln oder Pferdegeschirren war: „Wir haben alles gemacht“, sagt Kurt Becker.
Hilfe in der Schusterei erhielt er von Diedrich Dirks, einem befreundeten Orthopädieschuhmacher aus Leer, der ihm an den Freitagabenden unter die Arme griff. „Es wurde so lang gearbeitet, gescherzt und gelacht, bis der letzte Schuh repariert war. Oftmals bis in die frühen Morgenstunden“, erzählt der Meister. Einen Auszubildenden oder Nachfolger hat er nie angelernt. Seine vier Kinder hatten kein Interesse und mit der industriellen Produktion von billigen Schuhen war der Berufszweig nicht mehr sehr gefragt. „Nur noch wenige kaufen sich hochwertige Schuhe, für die sich eine Reparatur lohnt“, erzählt Kurt Becker.
