Ostfriesland - Inflation, Energiekrise und auch die Auswirkungen der Pandemie haben die Unternehmen und Verbraucher in Ostfriesland schwer gezeichnet. Wie schwer, das zeigen jetzt Zahlen des niedersächsischen Landesamtes für Statistik zu den Unternehmens- und Verbraucherinsolvenzen im ersten Halbjahr 2023. Demnach stieg die Zahl der Unternehmen in Ostfriesland, die einen Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellten, um 44 Prozent.
26 Insolvenzverfahren bisher in 2023
Ganz genau bedeutet das in Zahlen, dass es acht Insolvenzverfahren mehr gab als im selben Zeitraum des Vorjahres. Während es im ersten Halbjahr 2022 18 Insolvenzverfahren von Unternehmen gab, waren es 2023 schon 26 Insolvenzverfahren. Von diesen Verfahren waren insgesamt 49 Arbeitnehmer betroffen. Die meisten Insolvenzverfahren gab es im Kreis Aurich, den größten Anstieg jedoch in Emden. Im Landkreis Leer blieb die Zahl der Insolvenzverfahren gleich. Bei den Verbraucherinsolvenzen hingegen, sprich den Privatpersonen, ist die Zahl der Verfahren rückläufig. Im Vergleich zu 2022 gab es hier 44 Eröffnungen von Insolvenzverfahren weniger in Ostfriesland.
Obwohl ein Anstieg von 44 Prozent bei den Unternehmensinsolvenzen zunächst viel klingt, hätte es laut der Industrie- und Handelskammer Ostfriesland-Papenburg aber noch schlimmer kommen können. „Man kann bei diesen Zahlen noch nicht von einer Welle von Insolvenzen sprechen. Genau diese hatte man ja im Zuge der Corona-Pandemie und der darauffolgenden Energiekrise befürchtet“, erklärt Hartmut Neumann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Ostfriesland–Papenburg. Als Grund für den Anstieg der Insolvenzverfahren in Ostfriesland macht er dabei nicht nur einen einzelnen Faktor aus.
Hohe Energiekosten machen sich erst jetzt bemerkbar
Zum einen führt er die Energiekrise an. Im Zuge dessen stiegen die Preise für Strom und Gas im vergangenen Jahr auf einen neuen Höchststand. Auch wenn jetzt die Preise wieder sinken, spüren die Unternehmen dies erst später. „Die Auswirkungen des Peaks im letzten Jahr kommen bei den Unternehmen aufgrund der Verträge aber jetzt erst an. Gleiches gilt für die finanziellen Folgen der Corona-Krise. Unternehmen, die damals Corona-Hilfen erhielten, müssen diese jetzt zurückzahlen und kämpfen zusätzlich noch mit Inflation und Energiekosten“, erklärt Neumann.
Gemengelage von Faktoren
Doch nicht nur das belastet die hiesigen Unternehmen. Auch die hohen Materialpreise, die sich teils besonders in Vorprodukten deutlich machen, ebenso wie ein gestiegenes Zinsniveau sorgen nicht für eine Besserung der Situation. „Betriebe, die vor zehn Jahren noch Kredite für unter einem Prozent Zinssatz aufnehmen konnten, müssen heute mit über vier Prozent rechnen. Da überlegt sich jeder Betrieb dreimal, ob er noch investiert“, sagt Neumann. Dazu kommen auch noch gestiegene Personalkosten im Zuge von Tarifverhandlungen. „Man kann eigentlich nicht einen einzelnen Faktor ausmachen. Es ist eine Gemengelage an Gründen, die zu diesem Anstieg an Insolvenzverfahren geführt haben kann“, resümiert er.
Kein Spitzenjahr für den Tourismus
Ob Besserung in Sicht ist? Auf diese Frage mag der stellvertretende Hauptgeschäftsführer keine eindeutige Antwort geben. Es hänge sehr von der Branche ab. Während die Auftragslage in der Industriebranche gut aussehen würde, kämpfen Touristiker und Händler mit zurückhaltendem Konsumverhalten aufgrund der Inflation und gestiegenen Preise. „Als Spitzenjahr kann man 2023 für die Tourismusbranche nicht sehen, da dies einfach von einer großen finanziellen Unsicherheit geprägt ist.“
