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Wiegboldsburer Gotteshaus Ostfriesland hat jetzt seine erste Pilgerkirche

Die Wiegboldsburer Kirche war einst eine Sendkirche, in der auch Gerichtsverhandlungen stattfanden. Heute erinnern noch Halseisen in der Kirchenmauer an die Zeit, als Menschen öffentlich an den Pranger gestellt wurden.

Die Wiegboldsburer Kirche war einst eine Sendkirche, in der auch Gerichtsverhandlungen stattfanden. Heute erinnern noch Halseisen in der Kirchenmauer an die Zeit, als Menschen öffentlich an den Pranger gestellt wurden.

Günther Gerhard Meyer

Wiegboldsbur - Die St.-Wibadi-Kirche in Wiegboldsbur ist zur ersten Pilgerkirche in Ostfriesland ernannt worden. Das Gotteshaus erhebt sich etwas abseits auf einer Warft. Wer der Namensstifter ist, konnte bis heute nicht eindeutig nachgewiesen werden. Zahlreiche Pilgerwege gibt es bereits in Niedersachsen.

Eilige Autofahrer auf dem Weg in die Sommerfrische am Großen Meer nehmen die altehrwürdige Kirche an der Forlitzer Straße eher selten wahr. Aber ein Besuch lohnt sich. Denn die Kirche ist schon seit vielen Jahren ein wichtiger Ort auf dem Pilgerweg zwischen den ehemaligen Klosterstätten „Schola Dei“ der Zisterzienser in Ihlow und Marienthal „Vallis Sanctae Mariae“ der Dominikaner in Norden.

Wibadi-Kirche

Die lutherische Wibadi-Kirche in Wiegboldsbur wurde um 1250 auf einer künstlichen Warft gebaut. Der Ort Wiegboldsbur wird erstmals um 890 urkundlich als „Widubasholte“ erwähnt und zählt zu den ältesten Gemeinwesen in Ostfriesland.

Sieben Sendkirchen gab es in Ostfriesland, eine war die Wibadi-Kirche. Zuvor stand dort eine Holzkirche, wo Markt und Gericht gehalten wurde. „Jemanden abkanzeln“ ist ein Begriff aus jenen Tagen, wenn Menschen etwas angestellt hatten.

Zwei Messingkugeln aus dem Jahr 1855 sind ein Geschenk „sämtlicher Einwohner Wiegboldsburs“. Die Kugeln bergen ein Geheimnis. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg nicht zu Waffen umgegossen, sondern landeten bei einem Schrotthändler in Wilhelmshaven. Der Schrotthändler beauftragte am Ende seines Lebens einen Freund, der die Messingkugeln 2007 zurückbrachte.

Verändert wurde die Wibadi-Kirche des Öfteren. Das zeigen einstige vermauerte Türen an Nord- und Ostseite. Um 1700 wurde die Kirche verkürzt, die Apsis, ein halbrunder Anbau, verkürzt.

Der Grundwasserspiegel sank in den 1960er Jahren durch die intensive Landwirtschaft und Landkultivierung erheblich, die Kirche zeigte Risse, verfiel und wurde 1968 wegen Baufälligkeit geschlossen. Die Warft wurde teilweise abgegraben, um Platz für den Friedhof zu schaffen, so dass sich die Südmauer neigte und Fenster zersplitterten.

1973 wurde mit der Restaurierung der Wibadi-Kirche begonnen.

Das heutige Gemeindehaus der Kirche war einst die Volksschule in Wiegboldsbur.

Der Pilgerweg verläuft über 40 Kilometer mit 16 Stationen über ruhige Wege, vorbei an Kirchen, historischen Plätzen und Vogelschutzgebieten auf einem alten Wallfahrtsort von Ihlow über Marienhafe nach Norden.

Interessierte können den Weg mitgehen und sich bei Bedarf mit dem Taxi zurückfahren lassen. Übernachtet werden kann im Woldenhof Wiegboldsbur. Infos unter Ostfriesland-Pilgerweg „Schola Dei“ bei der Gemeinde Südbrookmerland.

„Auf der Suche“

Antje Wachtmann, Pastorin für Kirche im Tourismus, verlieh der lutherischen Kirchengemeinde das Signet. „Es gibt nur 20 Pilgerkirchen ist der Landeskirche Hannovers“, erzählte sie während der Andacht, „und ich freue mich sehr, dass diese Gemeinde ihre Kirchentüren für Pilger öffnet“. Um eine Pilgerkirche zu werden, müssen verschiedene Kriterien erfüllt werden. Unter anderem muss die Kirche an einem offiziellen Pilgerweg liegen und verlässlich geöffnet sein. „Pilger sind auf der Suche“, sagte Tido Janssen, Superintendent im Kirchenkreis Aurich, „und in Wiegboldsbur finden sie nun eine Pilgerkirche und vor allem nette Leute“, erklärte er.

Für Körper und Seele

Die St. Wibadi-Kirche ist auf dem Pilgerweg „Schola Dei“ zwischen Ihlow und Norden die fünfte Station. Geöffnet ist sie zwischen Ostern und dem Reformationstag täglich von 10 bis 17 Uhr. Gemeindepastorin Katharina Herresthal dankte dem Kirchenvorstand für die Unterstützung rund um die Kirche, die schließlich zu der Auszeichnung führte.

Es sei nicht selbstverständlich, dass sich eine Gemeinde für diese Art von Gastfreundschaft entschließe. In der Gemeinde stehen für die Pilger sogar kalte Getränke und eine Broschüre mit Anregungen zum Gebet und zur Meditation bereit. „Was das Pilgern für Körper und Seele bedeuten kann“, betonte Nadja Pfister, die im Juni mit ihren Kindern auf dem portugiesischen Jakobsweg gepilgert ist.

Übergabe der Vignette mit Jan Albers, Gerold Günther, Pastorin Katharina Herresthal, Pastorin Antje Wachtmann, GErd Kleene und Beate Bussen vom Kirchenvorstand. Bild: privat

Übergabe der Vignette mit Jan Albers, Gerold Günther, Pastorin Katharina Herresthal, Pastorin Antje Wachtmann, GErd Kleene und Beate Bussen vom Kirchenvorstand. Bild: privat

„Probieren Sie es aus“

Nadja Pfisters erzählt gern von den Begegnungen mit anderen Menschen auf dem Pilgerweg, der Besinnung auf sich selbst und das Erleben der Natur. Das mache den Zuhörenden viel Lust auf das Pilgern. „Es sind nicht nur religiöse Gründe, warum Menschen pilgern. Es spielt auch keine Rolle, in welchem Land oder wie weit man einen Weg geht. Probieren Sie es einfach aus“, machte sie im Rahmen der Auszeichnung ihren Zuhörern Mut. Die Akkordeongruppe „Silbermöwen“ begleitete die Gemeinde nach der Andacht vor die Kirchentür, wo die Pastorinnen Antje Wachtmann und Katharina Herresthal das Signet enthüllten, das nun am Eingang angebracht ist.

Die Kirche Wiegboldsbur. ggm

Die Kirche Wiegboldsbur. ggm

ggm

Auch die Politik freut sich über die Auszeichnung: Damit profiliere sich die Kirchengemeinde innerhalb Ostfrieslands als besonderer Ort und stelle eine Bereicherung für ganz Südbrookmerland dar, sind sich Ortsvorsteher Jann Peters und Ralf Geiken, stellvertretender Bürgermeister von Südbrookmerland, einig.

Günther Meyer
Günther Meyer Ostfriesland-Redaktion/Aurich
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