Aurich - Der Einmarsch Russlands in die Ukraine und der zurzeit dort herrschende Krieg beschäftigt weltweit die Menschen. Für einige ist das alles weit weg, andere wiederum sind ziemlich dicht dran. Und wenn jemand, wie OHV-Handballer Evgeny Vorontov, gebürtig aus Russland kommt, dann sorgt das für Fragen. Diese Zeitung führte ein Interview mit ihm.

Evgeny, Du bist gebürtiger Russe, hast noch Verwandtschaft in Russland, zu der Du regelmäßigen Kontakt pflegst. Wie ist gerade für Dich die Lage, mit Blick auf das, was gerade in der Ukraine geschieht?

Evgeny Vorontsov: Es ist zwiespältig für mich. Die einen sagen, sie finden das okay, was dort passiert. Das liegt daran, dass viele Hintergründe nicht bekannt sind. Man weiß nicht, was im Vorfeld zwischen der Ukraine und Russland geschehen ist. Es geht ihnen darum, die Russen, die in der Ukraine leben, zu schützen und auch ein bisschen aufzuräumen bzw. sie zu verteidigen. Und natürlich gibt es auch diejenigen, die das absolut nicht okay finden, was gerade passiert. Es gehört sich nicht mit einem Nachbarland, das früher zur Sowjetunion gehört hat, Krieg zu führen. Und es gibt tatsächlich auch Menschen, die sich komplett enthalten, von einem Krieg noch gar nichts wissen oder glauben, dass es alles Fake ist, was in den Medien veröffentlicht wird. Das ist auch in meiner Familie so.

Ihr diskutiert vermutlich recht intensiv über den Krieg. Schließlich betrifft es Euer Heimatland.

Vorontsov: Es geht. Mit meinen Eltern eher weniger, mit meiner Verwandtschaft in Russland sicherlich etwas mehr. Ich habe nun nicht täglich Kontakt zu ihnen. Aber ich versuche, das Thema ohnehin zu vermeiden. Zum einen gibt es eben diese Meinungsverschiedenheiten. Zum anderen möchte ich nicht wieder ein Thema haben, an das ich die ganze Zeit denken muss. Da hat mir Corona schon gereicht. Ich möchte jetzt nicht noch mehr Unruhe stiften, als es in den Medien und drumherum gerade der Fall ist. Gesprochen wird überall und jeder bastelt sich seine eigene Geschichte dazu. Ich persönlich denke mir einfach nur: Bitte keinen Krieg!

Hast Du den Eindruck, dass Deine Verwandtschaft gut mit Informationen durch Medien, Angehörige im Ausland oder ähnlichem versorgt wird, oder ist die Nachrichtenlage eher sehr einseitig? Das russische Staatsfernsehen ist aus westlicher Sicht schließlich gelenkt.

Vorontsov: Richtig. In den russischen Medien wird natürlich etwas anderes erzählt als in den deutschen. Mit Informationen sind sie eigentlich gut versorgt. Sie entscheiden nur für sich, wem sie letztlich glauben. Ich kenne beide Seiten und weiß, dass ein großer Teil der Russen befürwortet, was gerade passiert, auch wenn die einhellige Grundeinstellung eigentlich „Nein zu Krieg“ ist. Ich bin der Meinung, dass jeder für sich selbst entscheiden muss, was er glaubt.

Glaubst Du, dass Du als Handballer mit russischer Nationalität aktuell mehr unter Beobachtung stehst? Haben zum Beispiel der Verein oder die Mannschaft das zum Thema gemacht?

Vorontsov: Es ist sehr unterschiedlich. Auf der Arbeit gibt es Sticheleien aber auf eine freundliche Art. Aber die Kollegen kennen meine Einstellung, und ich bin ja mittlerweile mehr Deutscher als Russe. Auch in der Mannschaft wird mit der Situation umgegangen. Wir haben zwei Weißrussen und einen Letten im Team. Wir reden darüber, aber es ist kein belastendes Thema. Es schadet nicht dem Sport. Wir können gut abschalten und uns auf das Wesentliche konzentrieren.

Vor dem Spiel gegen die TSG A-H Bielefeld am vergangenen Sonntag gab es eine Schweigeminute und einen sehr eindeutigen pro-ukrainischen Appell seitens des Vorsitzenden des OHV Aurich, Ulrich Mittelstädt. Wie hat sich das für Dich vor so einer wichtigen Partie, immerhin ging es um den Klassenerhalt, angefühlt?

Vorontsov: Natürlich höre ich es nicht so gerne, wenn so über mein Land gesprochen wird. Meine Nationalität bleibt ja immer russisch. Aber erstens bin ich kein Freund von Krieg und zweitens finde ich auch nicht alles gut, was die russische Führung dort gerade anrichtet. Mir tun die Leute, die da nichts für können, einfach furchtbar leid. Als Sportler habe ich da auch einen Blick auf die anderen Athleten.

Sport, das ist ein guter Punkt, den Du ansprichst. Die russischen Sportler bekommen auf besondere Weise gerade die Auswirkungen durch Ausschlüsse aus internationalen Wettbewerben oder Boykott zu spüren…

Vorontsov: Ich persönlich kenne zwar keinen Sportler, der davon betroffen ist. Ich kann mich aber in deren Köpfe gut hineinversetzen und weiß recht genau, wie ärgerlich es für sie ist und wie traurig sie nun sein werden. Sie arbeiten sehr lange auf etwas Großes hin und bekommen nun nicht die Möglichkeit, an den Wettkämpfen teilzunehmen. Nur wegen einer Person. Das kann man wohl so sagen. Es ist keine Lösung, in den Krieg zu ziehen und anderen Leuten ihren Lebenstraum damit zu vernichten. Es gibt bei dieser Sache einfach keinen Gewinner, nur Verlierer.

Thomas Van Lengen
Thomas Van Lengen Redaktionsleitung Sport, Jeversches Wochenblatt, Wilhelmshavener Zeitung