Aurich/Dietrichsfeld - Hirsche und Rehe in unmittelbarer Nähe zum Menschen friedlich äsend am Waldrand. Bis auf das Zwitschern von Vögeln ist nur wenig zu hören. Ein großer, mit Gras überwachsener Bunker auf einer Lichtung erweckt den Eindruck, als wäre er schon immer Teil des Waldes – doch sein Inhalt weist auf seine immense und zum Teil beängstigende Bedeutung hin: Sprengkörper wie Handgranaten, Seegrundminen, Querschnittsmunition (verschiedene Arten von Patronen), aber auch Pyrotechnik und Sonobojen (werden zum Orten auf See genutzt) lagern dort. In diesem idyllischen 400 Hektar großen Waldgebiet am Rande Aurichs befindet sich nämlich ein Munitionslager der Bundeswehr. Es besteht aus den Hauptverwaltungsgebäuden, vier sogenannten „Arbeitshäusern“, Werkstätten, einer Werksfeuerwehr sowie Lagerhallen für andere Materialien abseits von Munition und 36 Munitionslagerhäusern. Das Gelände ist dabei gegliedert in Verwaltungsbereich und einen extra geschützten „gefährlichen Betriebsteil“. Wie viel Munition auf dem Gelände genau gelagert wird, verrät Kapitänleutnant Daniel Bertram, Leiter des Munitionsdepots in Aurich, nicht. Fest steht jedoch, es soll noch mehr werden.
Das Munitionslager Aurich ist dem Munitionsversorgungszentrum in Laboe angegliedert, welches wiederum dem Logistikzentrum Nord der Bundeswehr unterstellt ist. Dies ist Teil der Streitkräftebasis. Insgesamt 120 Menschen, inklusive Werksfeuerwehr und Wachen, arbeiten auf dem 400 Hektar großen Gelände in Dietrichsfeld. Darunter viele sogenannte Feuerwerker, die die Munition prüfen und warten. Die Aufgaben, die das Munitionslager Aurich zu erfüllen hat, erstrecken sich von der Lagerung von Munition, bis hin zu deren Prüfung und Instandsetzung über die Versendung und die Bestimmung des Verwendungszwecks, als auch die Bereitstellung der Ausrüstung zur Kampfmittelbeseitigung. Als Alleinstellungsmerkmal des Lagers in Aurich zählt die Überprüfung von Rücklieferungen von Munition aus Einsatzgebieten wie einst Mali oder Afghanistan.
Erweiterung für 2024 geplant
Kapitänleutnant Daniel Bertram leitet das Munitionslager in Aurich seit April vergangenen Jahres. Eigentlich stammt er aus der Luftwaffe und war einst Fluggerätemechaniker für Tornados. Jetzt leitet er ein Lager, welches in der aktuellen Zeit mit vielen globalen Krisenherden und Kriegen immer größere Bedeutung gewinnt. Aktuell findet vor allem Munition aus den ehemaligen Einsatzgebieten in Mali und Afghanistan den Weg nach Aurich, um dort gegebenenfalls wieder instandgesetzt zu werden. 2024 soll das Lager vergrößert werden, um noch mehr Munition dort zu lagern. Erst im Juli dieses Jahres hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) – nach der Kritik über die mangelnde Ausstattung der Bundeswehr – gegenüber dem Spiegel erklärt, er wolle zukünftig deutlich mehr als 20 Milliarden Euro in Munition investieren. Ohne diese nützten ja schließlich auch modernste Waffensysteme nichts. „Bei uns sind für 2024 Neubauten von Munitionslagerhäusern, Munitionsabstellfläche, einem neuen Arbeitshaus mit zusätzlichem Personal und die Ertüchtigung der Bahnlinien geplant“, berichtet Bertram.
Ein Lenkflugkörper während der Rezertifizierung in Aurich. Erst wenn er dort als für gut befunden wird, wird er ins Testzentrum ins niederländische Den Helder geliefert.
Arbeitsalltag im „gefährlichen Betriebsteil“
Bis es so weit ist, laufen die täglichen Arbeiten im Lager aber weiter wie bisher. Bei einer Führung über das Gelände gewährt Bertram einen überraschend offenen Einblick in die unterschiedlichen Bereiche: Zu den zentralen Aufgaben des Depots zählen dabei neben der Lagerung auch die Anmeldung von Gefahrguttransporten, zu denen Munition zählt, sowie die Inventur und Ein- und Ausgangskontrolle von Munition und anderen Materialien. Während letztere im normalen Verwaltungsbereich auf dem Gelände stattfindet, wird die Ein- und Ausgangskontrolle von Munition im „gefährlichen Betriebsteil“ des Lagers unter der Aufsicht von Oberstabsbootsmann Sandro Schmelz gemacht. „Bei uns gibt es zwei Codes“, erklärt Schmelz bei einer Führung über das Gelände. „Code Alpha steht für einen guten Zustand der Munition. Code Charlie steht für gebrauchsfähige, aber schnell zu verwendende Munition. Dann gibt es natürlich auch noch Munition, die entsorgt werden muss, weil sie vielleicht abgelaufen ist.“ Patronen besitzen nämlich wie Lebensmittel ein Ablaufdatum. Im gefährlichen Betriebsteil findet außerdem die Rezertifizierung von sogenannten Lenkflugkörpern (eine besondere Art von Waffe) statt. „Erst wenn wir das Alpha für einen Lenkflugkörper geben, werden sie weiter ins niederländische Testzentrum nach Den Helder geliefert“, erklärt Thomas Ohling, Kommunikationselektroniker bei der Bundeswehr und tätig in diesem Bereich. Ebenso wie Lenkflugkörper werden auch Zündeinrichtungen von Seegrundminen der Marine in diesem Teil des Geländes gewartet. Die restliche Wartung einer Seegrundmine erfolgt jedoch im normalen Bereich.
Lars Reuter prüft die Batterie einer Seegrundmine.
Torsten von Reeken
Die Kampfmittelbeseitigungsausrüstung der Bundeswehr.
Torsten von Reeken
Sven Recknagel (rechts) ist Leiter des EOD, des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Aurich.
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In Metall- oder Holzkisten wird die Munition ins Depot geliefert - von zivilen Lieferdiensten.
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Auch die Kontrolle von Patronen gehört zu den Aufgaben der Munitionsfacharbeitern.
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36 Munitionslagerhäuser befinden sich auf dem 400 Hektar großen Gelände in Aurich.
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Ein Lenkflugkörper wird in Aurich gewartet.
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Ein Lenkflugkkörper muss in diese Vorrichtung geschoben werden. Dabei muss alles ganz genau passen.
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Thea Langheim bei der Öffnung eines ihrer Lagerhäuser.
Torsten von Reeken
Ein Munitionslagerhaus von innen.
Torsten von Reeken
Hauptsekretärin und Lagermeisterin Thea Langheim steht mit Kapitänleutnant Daniel Bertram vor einem der Munitionslagerhäuser.
Torsten von Reeken
Lagerung von explosiven Gefahrenstoffen inmitten friedlicher Idylle
Die Arbeit mit den unterschiedlichen Munitionsarten ist für die meisten Mitarbeiter im Depot bereits langjähriger Alltag, ihr Arbeitsgegenstand ist dabei hochgefährlich. Dies wird besonders deutlich als Lagermeisterin und Hauptsekretärin Thea Langheim einen Einblick in eines ihrer Lager gewährt. Als die große schlanke Frau das große, grüne Metalltor eines der Lagerhäuser langsam öffnet, kommt zunächst ein langer gerader Gang zum Vorschein. Erst beim Betreten des Lagerhauses ergibt sich das vollständige Bild. An den Wänden befinden sich meterhohe Regale mit zahlreichen Holz- und Metallkisten, alle beschriftet. An der Wand neben dem Tor hängt eine Gefahrcode-Tabelle, daneben jeweils eine hohe Kilogrammzahl. „1.1 steht für die größtmögliche Gefährdungsstufe“, erklärt Langheim und fügt hinzu: „Wenn nur eine Kiste mit einem Gefahrgut dieser Stufe in einem Lagerhaus aufbewahrt wird, dürfen sich maximal 50.000 Kilogramm Gefahrgut in diesem Lagerhaus befinden.“ Der Grund dafür liegt im Brandschutz. Während bestimmte Munition einfach bei einem Feuer in der Kiste abbrennen würde, löst eine andere Art von Munition eine Massenexplosion aus. „Bei einem Brand von Munition des Gefahrcodes 1.1 nützt auch eine Werksfeuerwehr nichts mehr. Dann müssen wir evakuieren“, macht Langheim deutlich. Bisher ist dies im Munitionslager noch nicht vorgekommen und so besteht sie dort noch, die Naturidylle des Waldgebiets am Rande Aurichs.
