Norderney - Eigentlich habe ich es die ganze Zeit gewusst: Ich habe großes Glück, fast vier Wochen auf einer Insel leben und arbeiten zu können. Und doch haben sich in den letzten Stunden vor meinem Reisebeginn neben Stirnband, Laptop und Zahnbürste auch ein paar Zweifel mit in den Koffer geschlichen.
Zweifel im Gepäck
Als ich dann im Zug von Oldenburg nach Norddeich-Mole den Regentropfen beim Marathonlauf an den Fensterscheiben zusehen konnte, regte es sich erneut in mir: Ist das jetzt wirklich eine so gute Idee, nach Norderney zu fahren – im November? So wurden die Fahrgäste immer weniger, die gelben Regenmäntel und meine Zweifel nahmen zu.
Die Autorin Alexandra Meier beendet nächstes Jahr die Ausbildung zur Redakteurin bei der NWZ. Vorher ist sie aber noch vier Wochen auf Norderney im Einsatz. Dahinter verbirgt sich das Projekt #inselnews, bei dem eine NWZ-Volontärin oder ein NWZ-Volontär einen Monat auf einer ostfriesischen Insel leben kann, um von dort zu berichten.
Aufgewachsen ist Alexandra Meier in einem winzigen Dorf zwischen Bremen und Hannover. Nach dem Abitur ging es erst ins Ausland und dann nach Oldenburg. Dort studierte sie Sozialwissenschaften und arbeitete im soziokulturellen Bereich, bis sie im Frühjahr 2022 ihr Volontariat bei der NWZ begonnen hat.
Zum Glück lenkte die Bahn meine Gedanken dann auf ein anderes Thema: Schaffe ich es mit der aktuellen Verspätung überhaupt noch pünktlich auf die geplante Fähre? Beim Halten des Zuges blieb somit keine Zeit mehr, den Regentropfen an den Fensterscheiben „Tschüss“ zu sagen, oder für Zweifel.
Ganz schön außer Atem, aber noch rechtzeitig fand ich einen Platz im unteren Bereich der Inselfähre. Neben mir: viele Paare, die meisten wohl über 50, aber auch zwei Jugendliche. Sie rutschen auf den gepolsterten Sitzbänken umher und blickten immer wieder auf die Anzeige – vielleicht stellen sie sich zum ersten Mal der Herausforderung des Alleinreisens. Kaum zu überhören war auch eine Frauen-Gruppe: Erst ploppte der Sektkorken, dann schäumten die Gespräche lautstark über. Die ruhigeren Reisegefährten ließen sich an den Büchern, iPads oder Rommé-Karten auf den Tischen erkennen.
Am Puls des Insellebens
Ob nun das lesende Paar in teurer Outdoor-Kleidung oder die feiernde Frauentruppe: Alle schienen es kaum erwarten zu können, die Insel zu erreichen. Selbst die Vierbeiner an Bord wedelten unablässig mit ihren Schwänzen und erinnerten mit hohem Bellen an ihre Anwesenheit – vielleicht mussten sie auch einfach nur ein dringendes Geschäft verrichten. Für mich war es auf jeden Fall eine mitreißende Stimmung und ich überlegte, wie viel Spannendes es erst auf der Insel zu erleben geben würde. Und zwar fernab vom Massentourismus und nah am Puls des Insellebens, dafür scheint der November optimal zu sein.
Meine letzten kleinen Zweifel müssen dann wohl mit dem Fahrtwind weggeblasen worden sein. Angekommen auf der Insel, begrüßte mich wieder der Regen. Es fühlte sich direkt heimisch an.
