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Pflege-Krise in Ostfriesland Wenn der Heimplatz unbezahlbar wird

Eine Pflegerin geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Der Eigenanteil für einen Heimplatz ist in Niedersachsen im Durchschnitt um 406 Euro gestiegen.

Eine Pflegerin geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Der Eigenanteil für einen Heimplatz ist in Niedersachsen im Durchschnitt um 406 Euro gestiegen.

dpa/Christoph Schmidt

Ostfriesland - In Niedersachsen waren laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2021 mehr als eine halbe Million Menschen pflegebedürftig. Diese Zahl dürfte aufgrund des demografischen Wandels seitdem nicht gesunken, sondern eher gestiegen sein. Im Bezirksverband Weser-Ems bietet die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in über 20 Wohneinheiten nach eigenen Angaben mehr als 2000 Bedürftigen ein Zuhause im Rahmen einer Pflegeeinrichtung. Viele davon in Ostfriesland. Doch ein Platz in einer stationären Pflegeeinrichtung wird immer teurer. Alleine in den letzten zwei Jahren stieg laut einer Auswertung des AOK Pflegenavigators durch die Beratungsgesellschaft NAI Apollo Healthcare der monatliche Eigenanteil für einen Heimplatz in Niedersachsen um durchschnittlich 406 Euro. In der Spitze lag die Erhöhung bei 1455 Euro. Gleichzeitig gibt es immer mehr Menschen, die sich diesen Eigenanteil für einen Heimplatz nicht mehr leisten können und Sozialhilfeempfänger werden. Laut einer Studie der DAK Gesundheit werden es 2023 32,5 Prozent der Bedürftigen. Deutschland schlittert frontal in eine Pflegekrise und Ostfriesland trifft es dabei hart.

Besondere Dramatik in ländlichen Regionen wie Ostfriesland

In ländlichen Regionen wie Ostfriesland leben viele ältere Menschen. Gleichzeitig ist jedoch die derzeitige Situation dort deutlich dramatischer, wie Thore Wintermann, im Vorstand Verband und Politik der AWO Weser-Ems, weiß. „Die Grundsituation in Ostfriesland ist eine ganz andere wie in Städten wie Oldenburg. In Ostfriesland leben viele Menschen in Einfamilienhäusern auf dem Land mit eigenem Grundstück. Sind sie irgendwann pflegebedürftig und müssen Sozialhilfe empfangen, wird von ihnen verlangt, das Haus zu verkaufen. Für diese Menschen bedeutet das einen riesigen Wandel in ihrer Gesamtlebenssituation“, erklärt Wintermann. Aktuell liegt der Eigenanteil bei der stationären Pflege durchschnittlich bei 2400 Euro. Gleichzeitig liegt die durchschnittliche Rente, die ein Bundesbürger nach mindestens 45 Versicherungsjahren erhält, laut einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linken, bei 1543 Euro.

Kostenzuschuss hängt von Verweildauer im Heim ab

Die Pflegeversicherung übernimmt jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Kosten für einen Platz in der stationären Pflegeeinrichtung. So zahlt sie für einen Heimplatz bei einem Pflegegrad 1 laut Bundesgesundheitsministerium einen pauschalen Beitrag von 125 Euro, bei Pflegegrad 3 sind es 1262 Euro. Aufgrund der steigenden Pflegekosten haben sich die Pflegekassen seit Januar 2022 verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz des Eigenanteils eines Bedürftigen zu übernehmen. Dieser Prozentsatz hängt jedoch von der Verweildauer im Heim ab. So zahlt die Pflegekasse im ersten Jahr fünf Prozent des Eigenanteils, im zweiten wären es schon 25 Prozent. Dieses Konzept geht laut Wintermann jedoch an der Realität vorbei. „Wir haben in unseren Heimen in Ostfriesland eine durchschnittliche Verweildauer von 13 Monaten. Da macht eine Zuzahlung anhand der Verweildauer einfach keinen Sinn“, sagt er.

Pflegedienste mit neuer Reform unzufrieden

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verabschiedete jedoch erst zum Juli eine neue Pflegereform. Diese hebt den prozentualen Beitrag zur vollstationären Pflege ab Januar 2024 von fünf Prozent im ersten Jahr auf 15 Prozent und hebt das Pflegegeld um fünf Prozent an. Das ist Dr. Harald Groth, Vorsitzender des Präsidiums der AWO Weser-Ems jedoch nicht genug. „Wir ärgern uns maßlos über diese Pseudo-Reform. Ein Anstieg um fünf Prozent reicht nicht. Wir haben uns mehr versprochen und der Koalitionsvertrag hat uns hoffen lassen“, so Groth. Auch Jan Zimmerschied, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Pflegebutler, mit 15 Wohnparks auf der ostfriesischen Halbinsel, reichen die bisherigen Bemühungen nicht aus. „Es hätte hier eine Anpassung der Leistungen analog zu den Kostensteigerungen stattfinden müssen. Dies sollte dringend nachgeholt werden. Also nicht erst eine Anpassung ab 2024, sondern eine Anpassung um mindestens 20 Prozent ab sofort.“

AWO fordert Wiedereinführung des Pflege-Wohngelds

Die AWO fordert eine einheitliche Sockelzahlung für Bedürftige, der schon für Jahre feststeht. „Es muss mehr Geld solidarisch von der Gemeinschaft getragen werden. Gleichzeitig sollte das Pflege-Wohngeld, welches es einst gab und was ohne Begründung abgeschafft wurde, wieder eingeführt werden“, sagt Groth. Zusätzlich sollte laut AWO der Anteil für die medizinische Behandlungspflege aus der Pflegeversicherung herausgenommen werden, um diese zu entlasten. Außerdem wünscht sich Wintermann einen Verwaltungsabbau durch mehr gegenseitiges Vertrauen und bringt die Einführung einer Bürgerversicherung ins Spiel. „Alle würden einzahlen und alle würden etwas daraus bekommen“, erklärt er.

Insolvenzen steigen weiter an

Passiert nichts, befürchten AWO wie auch Pflegebutler weitere Insolvenzen privater Pflegedienstleister. Banken werden sich bei Investitionen von Pflegediensten zurückziehen. „Es wird so sein, dass immer mehr Leute zuhause gepflegt werden und private dubiose Pflegeverträge häufiger vorkommen“, prognostiziert Wintermann. Krankenstände in Firmen werden wachsen, da mehr zuhause gepflegt wird.

Annika Schmidt
Annika Schmidt Online-Redaktion
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