Kreis Aurich - Angst ist nicht gleich Angst – das weiß Sandra Körner genau. Die schulpsychologische Dezernentin berät seit mehr als zehn Jahren Kinder und Jugendliche, die aus verschiedensten Gründen Ängste in Zusammenhang mit Schule entwickelt haben. Genau das ist derzeit in Aurich der Fall. Wie berichtet häufen sich hier die Beobachtungen, dass Kinder Probleme mit dem Schulalltag haben.
Bevor jedoch ein großes Schreckensgespenst namens Angst skizziert werden kann, stellt Körner gleich klar: „Angst an sich ist nichts Schlechtes. Sie schützt uns, indem wir vorsichtig sind.“
Angst sollte nicht dramatisiert werden
Deshalb würde Sandra Körner die berichteten Ängste in Verbindung mit Schule im Kreis Aurich zunächst nicht dramatisieren. „Wir haben zwei Jahre mit längeren Phasen Homeschooling hinter uns, die Kinder waren nicht wie gewohnt kontinuierlich in der Schule – dass Schulvermeidungstendenzen höher sind oder sich manifestieren, ist für mich keine Überraschung. Die Schule ist nicht nur zum Mathelernen da – da werden soziale Fähigkeiten erlernt.“
Hier sollte man genauer hinschauen
Neben nachvollziehbaren Ängsten gibt es auch solche, bei denen man genauer hinschauen sollte.
Schulphobie: Diese Angst tritt am häufigsten im Grundschulalter auf. Das, so Sandra Körner, habe viel damit zu tun, „dass man seinen sicheren Hafen nicht verlassen will oder denkt, dass etwas passiert, wenn man von zuhause weggeht.“ Es handelt sich also um einen guten Grund, aber einen irrationalen Gedanken. Oft wird in diesem Zusammenhang eine Trennungsangst oder Bindungsstörung diagnostiziert.
Schulangst: Sowohl soziale oder leistungsbezogene Ängste können der Auslöser sein, also Angst vor anderen Menschen, vor Demütigung oder der Lernsituation.
Prüfungsangst: Situativ spezifisch ist jedoch die Prüfungsangst. Das bedeutet, dass die Kinder noch immer in die Schule gehen. Probleme gibt es nur, wenn sie in eine Bewertungssituation kommen, wie Klausuren oder sogar Referate.
In Sandra Körners Job als schulpsychologische Dezernentin sind das vor allem drei Arten: Die Prüfungsangst, die Schulangst und die Schulphobie.
Wie können Eltern unterscheiden, wann sie die Angst ernst nehmen müssen? „Erstmal ist jede Angst ernst zu nehmen“, sagt Sandra Körner. Signale für Eltern, dass wirklich etwas nicht stimmt, können Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Übelkeit und/oder Bauchschmerzen sowie ein sozialer Rückzug sein. „Man muss schauen, ob die auslösenden Faktoren im Schulsetting liegen oder ob das Aus-dem-Haus-Gehen schon nicht geht.“
Hinweise auf keinen Fall ignorieren
Bei jeder Angst in Zusammenhang mit Schule sollte man ins Gespräch mit Lehrern, Schulsozialarbeitern, Beratungslehrkräften, aber auch Körner und ihren drei Kollegen der Schulpsychologie im Kreis Aurich kommen. „Ungünstig ist es, es einfach laufen zu lassen. Es gibt einige Eltern, die lassen das Kind erstmal krankschreiben – das sollte man auf gar keinen Fall als dauerhafte Lösung anstreben.“
Besser ist es, in kleinen Schritten zu arbeiten. Körner: „Angst äußert sich körperlich immer mit Anspannung. Wenn das Kind behutsam mit sich langsam steigernden Herausforderungen konfrontiert wird und sich dann ein Erfolgserlebnis einstellt, dann kommt mit der Zeit die Entspannung und eine Gewöhnung an die vormals schwierige Situation – und der nächste Schritt wird gleich ein wenig leichter.“ Bei allen Prüfungs- und Leistungsängsten sei es ratsam, die Anstrengung und Mühe des Kindes zu honorieren und nicht die Note.
„Gefährliche Schutzschirme“ der Eltern
Jedoch falle es vielen Eltern schwerer, ihrem Kind Probleme zuzumuten. „Ich nenne das ,gefährliche Schutzschirme‘, da manche Eltern glauben, dass sie etwas Gutes tun, wenn sie ihnen Kindern möglichst viele Steine aus dem Weg räumen. Jedoch hat jedes Kind ein Recht darauf, mit Problemen, Ängsten, Menschen und Herausforderung umgehen zu lernen. Ein gutes Motto für Eltern kann sein: Ich helfe dir, es selbst zu tun.“
Gelingt das nicht, kann das auch dazu beitragen, dass sich Ängste manifestieren. „Bei älteren Schülern kann das sogar dazu führen, dass sich körperliche Entspannung nicht von alleine einstellt und diese in manchen Fällen durch Alkohol oder Drogen kompensiert werden.“
Kinder zeigen große Resilienz
Zwischen diesem Szenario und einer anfänglichen Angst vor der Schule liegen jedoch viele Schritte, ungünstige Bedingungen, hin und wieder Fehlentscheidungen und oft Jahre. Zusammenfassend sagt Sandra Körner, dass Kinder und Jugendliche während Corona einiges hinnehmen mussten an Belastungen. „Jetzt braucht es etwas Zeit, das nachzuholen und zu kompensieren.“ Das müsse man genau betrachten, geduldig, aufmerksam und ansprechbar sein und gegebenenfalls mit einer Therapie auffangen. „Aber ich kann auch sagen, dass ein großer Teil der Kinder emotional relativ unbeschadet durch die Pandemie gekommen ist. Unsere Kinder zeigen eben auch ein großes Maß an Resilienz.“
