Aurich - Die Stadt Aurich will mehrere Flächen für die Stromgewinnung durch Photovoltaik (PV) auf freiem Feld ausweisen. Es liegen inzwischen 30 Anfragen von Landbesitzern vor, wobei 20 konkret auf große Photovoltaikanlagen abzielen. Das wird von Naturschützern mit Sorge gesehen.
Die Faustformel besagt: Pro Hektar Photovoltaikfläche wird etwa ein Megawatt erzeugt. Bei landesweit zu erreichenden 15 Gigawatt via Freiland-Photovoltaik würden in Niedersachsen entsprechend 22 500 Hektar Landfläche notwendig werden.
Die Liste der Profiteure ist lang. Da sind zuerst die Landbesitzer, die dank Stromerzeugung Geld verdienen. Da ist die Gemeinde, die mit einer Akzeptanzabgabe von 0,2 Cent pro erzeugter Kilowattstunde rechnen kann.
Die Kommune kann bei einem 50 Hektar Solarpark 100 000 Euro verdienen, pro Jahr – befreit von der Kreisumlage. Und dann fließen nach zehn Jahren der Abschreibung noch Gewerbesteuern in den kommunalen Haushalt.
Ein Vergleich zeigt: Deutschland überweist jährlich 100 Milliarden für Energie ins Ausland. Das Geld könnte man auch ins eigene Land stecken.
Rolf Runge vom ostfriesichen Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) spricht deshalb inzwischen von einer „Goldgräberstimmung“. Die Pläne werden nicht nur in Aurich mit Skepsis gesehen, weil durch die großen PV-Platten die Umwelt leiden könnte. Wertvolle Acker- oder Naturflächen können verloren gehen.
Karte soll PV-Flächen aufzeigen
Die Stadt aber sieht sich bei der Suche nach geeigneten Flächen auf einem guten Weg, sagte Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maass. „Wir wollen solche möglichen Ängste und Sorgen auffangen“, sagte sie. Dafür werde aktuell eine Karte über das gesamte Stadtgebiet erstellt, auf der solche Flächen dargestellt werden, die für einen PV-Park in Frage kommen. „Alle anderen Flächen werden ausgeschlossen. Das letzte Wort hat die Politik“, sagt die Stadtbaurätin. Orientieren will sich die Verwaltung bei der Auswahl am niedersächsischen Klimagesetz und dem Regionalen Raumordnungsprogramm. „Das ist wie bei der Suche nach Flächen für Windparks oder Sandabbau“, betont Busch-Maass. Dadurch würden viele Flächen bereits ausgeschlossen. Nur sieben bis acht Prozent des Stadtgebietes kämen für PV-Parks in Frage. Das ist zuviel, weil gemäß Klimaschutz nur 4,7 Prozent vorgesehen sind.
Naturschutz setzt bei PV auf bereits versiegelte Flächen
Der BUND setzt auf andere Wege, um Sonnenlicht in Strom zu verwandeln. Runge nennt hier Dächer und bereits versiegelte Flächen wie Parkplätze für die Nutzung von Solarenergie. „Hier gibt es viel ungenutztes Potential“, sagt er. Doch hier komme aufgrund der kleinteiligeren Flächen und verschiedener Probleme der Ausbau nur zögernd voran; zudem seien die Kosten für Freiflächen-Anlagen deutlich niedriger. Wichtig findet Runge, dass für PV-Parks vor allem Potentiale auf versiegelten Flächen genutzt werden. Freiflächen sollen so wenig wie möglich beansprucht, Vorranggebiete für Naturschutz und ökologisch wertvolle Flächen ausgeschlossen werden. Hier fordert der BUND Ostfriesland auch eine frühzeitige Beteiligung bei kommunalen Überlegungen. Das sieht Busch-Maas genauso. „Wir wollen alle Betroffenen in die Planungen einbinden“, sagt sie.
Landwirte wollen nicht ausgebootet werden
Kritik gab es in der Vergangenheit bereits an der Ausweitung des Solarparks in Walle/Extum und auf Südbrookmerlander Flächen, wo die Bürger sich gegen das 30-Hektar-Projekt von Investor Jann-Heiko Samuels und Karsten Samuels wehren, die ihre Ideen bereits im Ortsrat vorstellten. Der Park könnte 20.000 Menschen mit Strom versorgen. In Aurich wohnen 43.000 Menschen. In der Krummhörn befürchten Landwirte, dass Pläne des Unternehmens Solarwind aus Hamburg, das schon 20 Solarparks realisiert hat, ihre Existenz bedrohen könnten. 75 Prozent der Bauern haben ihr Land nämlich nur gepachtet. Gegen die Solar-Konkurrenz hätten sie finanziell keine Chance, wenn Pachtverträge auslaufen. In der Krummhörn befürworten die Grünen Freilandparks. In der Gemeinde Hinte steht ein 14-Hektar-Solarpark vor dem Aus, weil der Kreis Aurich den Raumordnungsplan nicht ändert. Dort könnten laut Solarwind auch Schafe unter den Modulen weiden. Der Park könnte 4000 Haushalte mit Strom versorgen.
Die Landesregierung geht davon aus, dass neben der bereits genutzten Fläche etwa 20.550 Hektar für Photovoltaik in Anspruch genommen werden sollen. Angesichts von zu erwartenden Erträgen von deutlich über 50.000 Euro/ha pro Jahr spricht der Bund von „Goldgräberstimmung“ in den Kommunen, die mit Anträgen „auf Errichtung geradezu überschwemmt“ werden.
Besorgnis gibt es darüber beim BUND, dass eine ungesteuerte Entwicklung über Jahrzehnte Natur und Landschaft, Tourismus und Landwirtschaft beeinträchtigt. Nicht ausdrücklich geschützte, aber für den Naturhaushalt wichtige Bereiche könnten überbaut werden. So könne es zu einem Verlust an Biotopen oder Vegetation mit negativen Auswirkungen auf Insekten, Kleintiere oder Vögel kommen. Die Anlagen könnten als Barrieren in der Landschaft wirken.
Wirtschaftliche Folgen befürchtet der BUND, weil Landwirte, die auf Pachtflächen angewiesen sind, keine Chance gegen die zahlungskräftigere Konkurrenz habe. Um die Wertschöpfung auch für die Region zu erhalten, sollten Bürger-Beteiligungen ermöglicht werden.
Freiflächen-PV-Anlagen sind nicht privilegiert. Die Kommunen müssen eine Bauleitplanung durchführen und Flächennutzungspläne ändern. Vorbereitend bietet sich die Festlegung von Potentialflächen an, die aufgrund entsprechender Kriterien (Ausschlussflächen, Gunstflächen) ermittelt werden können. Einige Gemeinden in Ostfriesland haben diesen Weg bereits beschritten.
Hilfestellung und Orientierung bieten eine Arbeitshilfe des Niedersächsischen Landkreistages und Positionspapiere des Bundesamtes für Naturschutz oder auch des BUND.
