Aurich - Zuletzt online um 12.45 Uhr steht unter dem Namen ihres Schwagers im WhatsApp-Chat. Halyna Yatsyshyn checkt ihn alle paar Stunden. Für die 45-jährige Westukrainerin, die bereits seit 2011 in Deutschland lebt, ist es das Lebenszeichen ihres Schwagers. Dieser kämpft in der Ostukraine gegen die russische Armee und kann sich nicht regelmäßig melden. „Ist er einmal länger als acht Stunden nicht online, rufe ich direkt meine Schwester und meine Mutter an“, erklärt Yatsyshyn.
Der Rest ihrer Familie lebt nach wie vor in der Ukraine, allerdings in der etwas sichereren Westukraine. Doch auch dort kommt es immer wieder zu russischen Bombenangriffen. Aus diesem Grund telefoniert die 45-Jährige jeden Tag mit ihrer Familie, die die Ukraine nicht verlassen möchte.
Transporte in die Ukraine
Halyna Yatsyshyn selbst wohnt in Aurich und arbeitet seit 2016 für das Auricher Familienzentrum als Kauffrau für Büromanagement. Seit dem Kriegsausbruch im Februar ist zu ihrer Arbeit jein weiteres Feld hinzugekommen: die Flüchtlingshilfe. Yatsyshyn fing direkt nach Kriegsausbruch an, Transporte mit Medikamenten, Lebensmitteln und Hygieneartikeln in die Ukraine zu organisieren. Sie sammelte Spenden und kaufte von dem Geld das, was in der Ostukraine gebraucht wurde. Mehrfach fuhr sie selbst zur Grenze und lieferte die Waren dort ab. Dabei erhielt sie auch oft Unterstützung von ihrer Schwester und anderen Hilfsorganisationen.
Halyna Yatsyshyn spricht jeden Tag mit ihrer Familie in der Westukraine, hat aber auch Freunde in der belagerten Ostukraine. Yatsyshyn berichtet, dass die Warnsirenen in den Städten, die vor möglichen Luftangriffen warnen, in den ukrainischen Dörfern nicht funktionieren. „Dort funktioniert nur die Warnapp auf dem Handy“, erklärt die 45-Jährige. Diese schlug sogar einmal an, als ihre Mutter sie in Deutschland einmal in einem ihrer Yogakurse besuchte.
Yatsyshyns Familie hat seit Kriegsbeginn auch schon mehrere Geflüchtete aus der Ostukraine bei sich aufgenommen, doch auch im Westen des Landes fallen immer wieder Bomben. Das Land verlassen, möchten jedoch die wenigsten Westukrainer, wie Yatsyshyn erzählt. Doch es fliehen immernoch Menschen aus dem Osten. Die 45-Jährige vermutet, dass im Herbst eine erneute große Welle von ukrainischen Flüchtlingen Deutschland treffen wird. „Der Winter in der Ukraine ist hart und viele haben dort kein festes Zuhause mehr und nicht mehr viel, von dem sie leben können“, so Yatsyshyn.
Bei den Gesprächen mit ihrem Schwager, der im Krieg in der Ostukraine kämpft, erfährt sie immer wieder, was dort gebraucht wird. Aktuell ist es ein Pick Up.Halyna Yatsyshyn hofft, dass sie einmal genug Spenden dafür zusammen bekommt und vor allem, dass der Krieg bald ein Ende hat und gut für ihr Volk ausgeht.
Starker Rückgang
Auch jetzt noch sammelt die Ukrainerin Spenden, doch die Spendenbereitschaft der Menschen hat deutlich abgenommen, wie sie berichtet. „Ich denke, die Menschen sind inzwischen etwas müde geworden und benötigen das Geld in der aktuellen Situation selber“, sagt die 45-jährige. Daher nutzt sie jetzt vermehrt die Einnahmen aus ihren Yoga- und Pilateskursen im Familienzentrum. Von diesen kauft sie weiterhin Medikamente und schickt sie zur Grenze. Hilft sie nicht den Ukrainerin, die noch im Land sind, unterstützt sie die bereits nach Aurich Geflüchteten. Sie steht ihnen zur Seite bei Fragen oder hilft ihnen bei wichtigen Behördengängen. „Gerade die erste Flüchtlingswelle hatte ich unheimlich viel zu tun. Da war mein Handy 24 Stunden am Tag angeschaltet und ständig kamen Anrufe rein“, erklärt sie.
Schlechtes Gewissen
Die Ukrainer, die nach Aurich gekommen sind, vermissen ihre Heimat, ihre Ehemänner, die im Krieg drüben kämpfen, und Freunde, die dort geblieben sind. Einige haben gar ein schlechtes Gewissen in Deutschland zu sein, wo sie sicher sind und es ihnen gut geht, berichtet Yatsyshyn. Es gäbe aber auch viele, die alles verloren hätten und vorerst nicht zurückkehren.
Das sind ihre Pläne
Inzwischen rufen nicht mehr ganz so viele ukrainische Geflüchtete bei Halyna Yatsyshyn an. Doch Pläne hat die 45-Jährige noch jede Menge. „Ich möchte gerne einen Bastel- beziehungsweise Handwerksabend für die Flüchtlinge organisieren. Gerade im Winter, wenn es abends dunkel ist, wissen viele nicht, was sie tun sollen. So ein Abend einmal die Woche in einer Werkstatt würde sie beschäftigen und den Austausch untereinander fördern“, ist sich Yatsyshyn sicher. Grundsätzlich seien die Ukrainer ein handwerklich begabtes Volk, das gerne bastelt, näht und Dinge baut. Die Produkte würde sie dann gerne verkaufen, um weiter Spenden zu sammeln. Für dieses Projekt sucht sie noch Unterstützer und vor allem: eine Location beziehungsweise Werkstatt.
Im Oktober wechselt Yatsyshyn vom Familienzentrum in die niedersächsische Landesbehörde. Auch dann will sie die Flüchtlingsarbeit fortsetzen. „Ich kann gar nicht anders“, sagt sie. Wer Halyna Yatsyshyn bei ihrem Vorhaben unterstützen möchte oder spenden will, kann sich bei ihr über Facebook melden.
