Ostfriesland/Aurich - Normalerweise bildet Jürgen Weihrauch zusammen mit Daniela Mülder und Elke Sauer sozialpädagogische Fachkräfte zu Traumazertifizierten Fachberatern und Trauma-Pädagogen aus. Die drei bilden zusammen das Institut Sturmfänger, ein Zentrum für Trauma-Pädagogik. Als Trauma bezeichnet Weihrauch eine „seelische Schwerstverletzung“. Menschen, die ein Trauma haben, erlebten demnach ein „schwerwiegendes Ereignis von außergewöhnlichem Ausmaß“.
Solch ein Erlebnis, wie es viele der ukrainischen Flüchtlinge hinter sich haben. Gegründet haben die drei Trauma-Pädagogen das Institut zu Beginn der Corona-Pandemie 2020. Mit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine im Februar entschieden sie sich jedoch, ihr Angebot zu erweitern und ein Angebot für ehrenamtliche Helfer, die entweder ukrainische Geflüchtete aufgenommen haben oder mit ihnen arbeiten, zu schaffen und kostenlose Beratungen anzubieten.
Wenn das Handy vor Flugalarm warnt
„Mich erreichte ein Anruf von einer Frau, die bei sich Geflüchtete aufgenommen hat. Sie dachte, so könnten sie etwas Urlaub bei ihr machen“, berichtet Weihrauch. Doch für die ukrainischen Geflüchteten ist der Aufenthalt in Ostfriesland kein Urlaub – er ist für die meisten die einzige Option, die blieb, um das eigene Leben zu schützen. Die Frau, die Weihrauch anrief, wusste sich nicht mehr zu helfen. Die geflüchtete Frau, die sie bei sich aufgenommen hatte, reagierte panisch, sobald ein Handy klingelte. Der Hintergrund war folgender: Die Ukrainerin hatte auf ihrem eigenen Handy die ukrainische Warnapp des Katastrophenschutzes installiert.
Jedes Mal, wenn in Kiew Flugalarm ausgelöst wurde, schrillte ihr Handy auf. Dies versetzte die Frau in Panik und rief sofort die traumatischen Bilder und Erlebnisse in ihrem Heimatland auf. „Wir machen es uns dann zur Aufgabe, den Helfern in dieser Situation vor Augen zu führen, dass es nicht ihre Aufgabe ist, die Traumata mit den Geflüchteten aufzuarbeiten oder zu thematisieren, sondern ihnen in allererster Linie ein Dach über dem Kopf zu geben und einen sicheren Rückzugsort“, erklärt Weihrauch. Es gilt das Leid der Menschen zu akzeptieren, denn nehmen könne man es ihnen nicht.
Sturmfänger das Zentrum für Traumapädagogik bietet die nächste zertifizierte Weiterbildung zur Traumazentrierten Fachberatung/ Traumapädagogen wieder ab dem 2. September an. Die Weiterbildung geht über zwei Jahre und endet am 10. November 2024. Die Seminare finden immer an den Wochenenden statt.
Mehr Informationen zu den Angeboten des Instituts gibt es unter www.sturmfänger.de
Verständnis für Traumata
Oftmals fehle es aber auch Verständnis, wie Daniela Mülder deutlich macht. Die Reaktion der Geflüchteten, aber auch anderer Menschen, die traumatische Erlebnisse gemacht haben, ließe sich verstehen, wenn die Ursachen betrachtet werden. Mülder und Weihrauch berichten von einem Kind, dass beim Essen immer in Panik geriet und anderen das Essen klauen wollte. Bei genauerer Betrachtung des Lebensumstandes und der Vergangenheit des Kindes stellte sich heraus: Es hatte eine lange Zeit unterversorgt und mit zu wenig Essen gelebt. „Um dem Kind ein Gefühl der Sicherheit zurückzugeben und den Trigger zu vermeiden, sorgen die Betreuer seitdem dafür, dass immer genügend Essen auf dem Tisch steht“, erzählt Mülder.
Beraten aber nicht therapieren
Die drei ostfriesischen Trauma-Pädagogen wollen den Angehörigen und Betroffenen ein Stück Sicherheit geben und Ängste nehmen – therapieren können und wollen sie die Traumata nicht. „Wir sind keine Therapeuten, sondern Pädagogen. Wir leisten quasi nur eine Art Erste Hilfe für die Seele“, so Weihrauch. Er und seine zwei Kolleginnen freuen sich über jede Helferin, die sie bei der Arbeit mit Geflüchteten beratend zur Seite stehen können.
