Aurich - Es duftet verführerisch aus der Weihnachtsküche, auf dem Herd blubbert die Hühnersuppe und das Wildschwein-Gulasch, die Kartoffeln und der Rotkohl kommen langsam auf den Punkt, während der Pudding abkühlt. Thomas Wienekamp und seine Helfer haben alles im Griff, damit an diesem Heiligabend das Essen für die Menschen, denen es nicht so gut geht, rechtzeitig auf dem Tisch steht. Noch wenige Minuten, dann wird aufgefahren.
Pastor Jörg Schmid hat sich extra frei gemacht, um die Andacht für die Menschen am Rand der Gesellschaft zu halten, die kein Dach über dem Kopf haben. „Das Wildschwein hat der Koch selbst geschossen“, sagt Thomas Raehse, der die Einrichtung seit vielen Jahren leitet. Koch Dieter Freese, der auch Jäger ist, kann heute an Heiligabend nicht dabei sein. „Er hat aber alles organisiert und vorbereitet“, sagt Leiter Thomas Raehse.
Pause durch Corona
Zwei Jahre ist her, seit das letzte Weihnachtsmahl im Tagesaufenthalt an Heiligabend serviert wurde. Corona. Vor dem Tagesaufenthalt am Georgswall warten ungeduldig schon ein paar Männer und Frauen. Lachen, scherzen - und noch eine Zigarette. „Es hat einen Generationenwechsel gegeben“, spricht Raehse von den 18- bis 25-Jährigen, die heute auf der Straße landen und von Ort zu Ort ziehen.
„Sie sind nicht mit Rucksack geboren, haben Weihnachten vielleicht noch anders erlebt, bevor sie ohne festen Wohnsitz waren“, sagt er. Bevor Schulden oder der gelbe Brief von der Staatsanwaltschaft sie aus der Bahn warfen. „Die nachwachsende Generation ist nicht mehr so strukturiert.“
Die Generation der Berber, wie sich Wohnungslose gelegentlich selbst bezeichnen, sterbe langsam aus. „Sie waren obdachlos, folgten aber beispielsweise noch festen Tagesstrukturen“, sagt der Leiter mit Blick auf die Menschen, die sich 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurechtfanden, nach der Wende im Jahr 1989 - oder auch später beruflich mit dem Stechschritt der Leistungsgesellschaft nicht mehr mithalten konnten.
Arbeit verändert sich
Und mit der neuen Klientel habe sich die Arbeit im Tagesaufenthalt Aurich verändert, wenngleich Einrichtungen dieser Art in ostfriesischen in Städten wie Emden, Leer, Norden und Aurich noch „sehr ausgeprägt“ seien, auch wenn es - wie in Aurich - keinen Bahnhof gebe. „Es gibt auch Regionen, die viel dünner aufgestellt sind“, so Raehse. In Aurich seien die Zahlen der Besucher im Tagesaufenthalts dennoch sehr hoch. „Menschen können in der Energiekrise ihre Wohnung nicht mehr halten, obwohl sie Arbeit haben“, beobachtet der Leiter der Einrichtung. „Da wird noch mehr auf uns zukommen“, sagt er. Und die Wohnungssituation werde sich noch verschlimmern. „Man kriegt die Leute nicht mehr unter.“
Und was hat sich verändert? Inzwischen nutzen 40 bis 50 Menschen täglich die Dienste des Tagesaufenthalts, wobei die Zahl der Mahlzeiten von ehemals 25 Essen auf inzwischen 15 bis 20 zurückging, die für drei Euro ausgegeben werden. Darunter sind inzwischen auch Rentner, die hier ihre Mahlzeit erhalten. Eigentlich müsse die Einrichtung am Georgswall umbenannt werden in „Tagesaufenthalt für Menschen mit sozialen Schwierigkeiten“, sagt Raehse.
Probleme mit Behörden
Viele seien längst auf andere Unterstützung angewiesen, als es im Kerngeschäft angeboten werde, kämen beispielsweise mit den Behörden nicht zurecht. „Anträge können nur online gestellt werden. Aber die technische Ausrüstung dafür ist nicht vorhanden“, sagt Raehse. Und dann sei da der Zulauf von Menschen ohne Postanschrift, die von Menschen aus Drittländern behördlich verlangt wird, um eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, auch „Aufenthaltstitel“ genannt, zu beantragen.
Der Tagesaufenthalt mit der Wohnungslosenhilfe ist bei der reformierten Kirche in Aurich angesiedelt. Die Einrichtung ist von 8 bis 14 Uhr täglich geöffnet.
Hier gibt es einen Schutzraum vor der Öffentlichkeit, eine Postadresse und Angebote der Geldverwaltung oder der Tagessatz-Auszahlung sowie die Vermittlung einer kommunalen Übernachtung sowie psycho-soziale Beratung oder auch von Wohnungen. Auch Arbeitsplätze können vermittelt werden, Möglichkeiten zur Ausbildung oder Gestaltung der Freizeit.
Unterstützt wird der Tagesaufenthalt inzwischen zu 90 Prozent vom Land Niedersachsen und zehn Prozent von der Kirche. Der Landkreis Aurich und die Stadt Aurich organisieren dabei unterstützend. Aurich zahlt freiwillig 5000 Euro jährlich für die Kochstelle der Einrichtung. Dafür sind 20 000 Euro im Jahr veranschlagt, bei 25 Stunden pro Woche.
Dank für Unterstützung geht an Herma Schoon aus Großefehn, die mit „Herma Box“ Dinge des Alltags und Lebensmittel via Internet einwirbt. Neu im Team ist die Sozialpädagogin Ute Onken, die für „die gute Seele“ Susanne Harken nachrückt.
Weitere Unterstützer, auch für das Weihnachtsmahl, sind Gerda Ubben und vier weitere Frauen, die Kuchen backen. Harald Meenen von „Auricher Süßmost“ liefert den Früchtepunsch. Vom Teekontor Uwe Rolf werden 80 Weihnachtstüten mit schwarzem Tee befüllt. Viele Helfer sorgen für warme Mützen oder Socken. Astrid und Vito di Paola haben in diesem Jahr letztmalig einen Scheck gespendet, weil weggezogen sind. Auch am neuen Wohnort engagieren sie sich bereits.
Die Mahlzeiten werden inzwischen im Tagesaufenthalt auch zunehmend fleischlos angeboten, zumal viele Besucher aus verschiedenen Gründen kein Fleisch essen.
