Wiesmoor - Er war Deutscher Meister, Deutscher Pokalsieger, Europapokalsieger und hat drei Spiele, in denen sein Gegner Diego Maradona hieß, allesamt gewonnen. Was damals nur die wenigsten wussten: Abwehrhaudegen Uli Borowka – Spitzname „die Axt“ – hatte ein massives Alkoholproblem, das ihn fast sein Leben gekostet hätte. Am Montag war der Ex-Fußball-Profi, der inzwischen eine Stiftung zur Suchthilfe und Suchtprävention gegründet hat, zu Gast in der Wiesmoorer Blumenhalle und las aus seiner Autobiografie „Volle Pulle“.
Eine Kiste Bier, eine Flasche Wodka und eine Flasche Whisky – das war laut Uli Borowka sein „Tagespensum“ zum Schluss bei Werder Bremen, für die er bis 1995 kickte. Außerdem war er tablettenabhängig und später auch noch spielsüchtig. Wie hat er es geschafft, die Fassade aufrechtzuerhalten? Er habe das Glück gehabt, dass sein Körper in der Lage gewesen sei, Gift schnell abzubauen. „Ich konnte bis drei Uhr nachts saufen, und trotzdem war ich morgens um neun schon wieder einer der ersten auf dem Trainingsplatz“, meinte Borowka am Montag. Das habe ihm letztlich das Leben gerettet.
Suizidversuch und Klinik
Ein Suizidversuch mit einem selbst gemixten Cocktail aus Alkohol und Tabletten scheiterte. Als Uli Borowka aufwachte, fiel ihm nichts Besseres ein, als gleich die nächste Flasche Wein zu leeren. „Ich war dermaßen vernebelt, für mich gab es nur noch den Alkohol“, so der Ex-Profi, dem irgendwann alles egal war. Für Schlagzeilen sorgte er höchstens noch, indem er mit 1,7 Promille im Blut seinen Porsche gegen einen Baum setzte und als Totalschaden zu Schrott fuhr.
Nachdem man ihn in Bremen daraufhin dann doch rausgeschmissen hatte, wurde er in seinen folgenden Vereinen lediglich sporadisch oder überhaupt nicht eingesetzt. Die Millionen aus den guten Zeiten zerrannen allmählich, zumal die Ehefrau die Scheidung einreichte.
Am Ende habe er in einem 18-Quadratmeter-Zimmer in Rheydt auf einer vollgekotzten Matratze vier Jahre vor sich hinvegetiert. „Wenn ich morgens aufgewacht bin, habe ich die Reste zusammengekippt, damit ich wieder in den Tag starten konnte“, erzählte Borowka, dem schließlich die rettende Idee kam, seinen früheren Gladbacher Weggefährten Christian Hochstätter zu kontaktieren. Der fackelte nicht lange und empfahl dem alten Kumpel, sich schleunigst in eine Suchtklinik zu begeben. Das geschah im März 2000. Seitdem hat Uli Borowka tatsächlich nie wieder Alkohol angerührt. „Jeder Tag, den ich trocken bin, ist für mich wichtiger, als jeder Titel, den ich gewonnen habe“, sagt er heute.
Prävention erforderlich
Ein Manko aus Sicht von Borowka ist die nach wie vor hohe gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, wie er während seiner Lesung in Wiesmoor mehrfach betonte. „Wenn du deine Leistung bringst, kannst du ruhig einmal in der Woche besoffen vom Stuhl fallen. Deswegen hat das bei mir ja auch jahrelang funktioniert.“
Heutzutage müssten sich immer noch zu viele dafür rechtfertigen, warum sie zum Beispiel auf Veranstaltungen keinen Alkohol trinken würden. Das passiere sogar in Sportvereinen. „Wenn du nicht mitsäufst, wirst du schnell ausgegrenzt“, monierte Borowka. „Das ist falsch. ,Nein!’ zu sagen bedeutet Stärke. Wer sich mitziehen lässt, ist schwach.“ Um vor allen jungen Menschen dies klar vor Augen zu führen, sind seiner Auffassung nach noch mehr und bessere Präventionsmaßnahmen als bisher erforderlich, erst recht weil Corona die ohnehin prekäre Lage weiter verschlimmert habe.
„Alkohol, Medikamente zur Leistungssteigerung oder stundenlanges Zocken vor dem Computer – wir schieben da eine Welle hinter uns her, das wird zu einen Tsunami werden, wenn wir nichts dagegen unternehmen“, so Borowkas Prognose.
