Leer - Eine halbe Million Sinti und Roma sind in der NS-Zeit ermordet worden, viele auch aus dem ostfriesischen Raum. Hinter der kargen Zahl verbergen sich ebenso Einzelschicksale wie in anderen verfolgten Gruppen jener Zeit. Aber Sinti und Roma werden auch heute noch häufig ausgegrenzt, und die Geschichte ihrer Verfolgung ist wenig bekannt. Ein zweijähriges Projekt, das der 1. Sinti-Verein Ostfriesland jetzt gestartet hat, will die Menschen sichtbarer und ihr Leiden anfassbarer werden lassen: mithilfe von „Erinnerungsmittlern“, die die Geschichten erzählen. Solche wie jene von Mariechen Franz, einem Mädchen aus Riepe, das als Sintezza erst zwangssterilisiert und 1944 mit 17 im KZ Ravensbrück ermordet worden ist.
Viele Sinti und Roma im Landkreis
Eine Förderung durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft ermöglicht dem gut zehn Jahre alten Verein, dieses Projekt „zur Bildung neuer Formate des geschichtlichen Gedenkens“ ab dem kommenden Jahr durchzuführen. Dass dafür der Verein mit Sitz in Leer ausgewählt wurde, ist nicht ganz zufällig, denn im Landkreis Leer leben relativ viele Sinti und Roma. Das hat historische Gründe, erklärt Dr. Hans Hesse, der sich mit der Geschichte dieser Bevölkerungsgruppe intensiv auseinandergesetzt hat und über sie zwei Bücher verfasste. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten viele von ihnen als Vertriebene in die Niederlande auswandern und ließen sich dann im Süden Ostfrieslands nieder, als ihnen der Grenzübertritt verwehrt wurde. Rund 1000 Sinti und über 1000 Roma leben im Landkreis Leer, deutlich mehr als etwa in Bremen, erklärt Hans Hesse.
Nur fünf Prozent überlebten
Eines haben sie bei allen kulturellen Unterschieden gemeinsam: Sie sind fast ausnahmslos Nachfahren von Menschen, die dem Völkermord des Nazi-Regimes zum Opfer gefallen sind, denn nur fünf Prozent dieser kulturellen Gruppierungen überlebten. „Jedem deutschen Sinti ist bewusst, dass er ein Nachfahre von Ermordeten ist“, sagt Stefan Wagner, kaufmännischer Angestellter in dem Verein, „das macht etwas mit Menschen.“ Viele Sinti hätten aufgrund der Geschichte ein großes Misstrauen gegenüber der Obrigkeit, gegenüber Verwaltung und Polizei.
Ausbildung im Frühjahr 2024
Das Projekt mit den Erinnerungsmittlern soll einerseits weitere Schicksale aufdecken, die in einer begleitenden Dokumentation von Hans Hesse aufgearbeitet werden. Aber vor allem soll es das Gedenken an die NS-Opfer lebendiger werden lassen – deren Leid mit dem Jahr 1945 nicht beendet war. Denn die Überlebenden, so erklärt der Historiker, seien auch in der Bundesrepublik immer wieder früheren NS-Tätern begegnet, die sie wieder entwürdigend beurteilt hätten. Anerkennung erfuhr ihr Leid erst im Jahr 1963. Ab Frühjahr 2024 will der Verein im Rahmen des Projekts Angehörige der Sinti für die Aufgabe gewinnen und ausbilden, die über den Herbst die realen Geschichten ihrer Vorfahren erzählen, um den Opfern ein Gesicht zu geben: in Vorträgen in Schulen, Volkshochschulkursen, bei der politischen Schulung der Polizei oder auch in Gedenkstätten der NS-Zeit. Mit rund 77.000 Euro fördert die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft das Projekt, von dem der 1. Sinti-Verein Ostfriesland hofft, dass es nachwirkt, wie der stellvertretende Vorsitzende Ingo Lindemann zusammenfasst: „Das Ganze soll einen Dialog entfesseln.“
