Leer - Man muss in der Altstadt von Leer nur wenige Minuten an einer Straßenecke stehen, um zu erkennen: Diese Ecke muss bei Radwanderern beliebt sein, denn viele Fahrradfahrer mit Helm und Gepäck radeln vorbei, um nach kurzer Orientierung eine Richtung einzuschlagen. Der Eindruck täuscht nicht, Leers Altstadt liegt nämlich auf der Route des Emsradweges, der über 375 Kilometer vom Paderborner Land bis Emden führt – und jährlich rund 100.000 Besucher ins südliche Ostfriesland führt. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Logistik, die sich hinter anderen Tourismusbetrieben nicht zu verstecken braucht.
Haben die Entwicklung des Ems-Fahrradweges im Blick: Touristik-Geschäftsführer (v.l.) Kurt Radtke, Arno Ewen und und Insa Wutschke von der Touristik GmbH Südliches Ostfriesland. Bild: Axel Pries
„Der Emsradweg ist die kleine A31, die von Nordrhein-Westfalen zur Küste führt.“ So beschreibt Kurt Radtke als Geschäftsführer der Touristik GmbH Südliches Ostfriesland die Bedeutung der Radelverbindung für den Tourismus der Region. Gerade hat er an einem Treffen der Interessengemeinschaft aus verschiedenen Touristik-Organisationen teilgenommen, bei dem die künftige Ausgestaltung des Angebots zum Emsradweg Thema war. Ein Ergebnis: Für den Flussradweg soll es noch mehr Pauschalangebote geben, um von einem sich wandelnden Urlauberverhalten zu profitieren. Der Trend weist den Weg: Die Zahl der Radfahrer steigt seit Jahren an.
Radargerät zählt Fahrradfahrer
Solche Werte verrät eine automatische Zählstation in Soltborg. Mittels Radar registriert das eher unscheinbare Gerät jedes Fahrrad auf der Strecke. „Die Kurve der täglichen Nutzung lässt sich wunderbar verfolgen“, erläutert Kurt Radtke.
Links geht’s in Richtung Ditzum: Gleiche mehrere Radwege führen direkt durch Leer. Bild: Axel Pries
Die Zahlen verraten, wie die Besucherzahl seit 2015 gewachsen ist. Da waren es noch 53.843 Fahrradfahrer – von ihnen waren 52.047 in der Saison unterwegs. 2016 stieg der Wert auf rund 67.000, fiel 2017 ab und kletterte 2018 auf rund 82.000. Corona mit seinen Beschränkungen befeuerte offensichtlich das Radwandern. Mehr als 93.000 waren es 2020, gut 91.000 im Folgejahr, und 2022 zählte das Gerät gar 105.000 Besucher. „Die Beliebtheit für den Urlaub ist gestiegen“, resümiert der Geschäftsführer. Laut einer Analyse des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) rangierte der Emsradweg 2022 auf Platz sieben der Radfernwege Deutschlands. Im Bereich der Tourismusregion Südliches Ostfriesland mache der Radtourismus inzwischen 40 Prozent vom Umsatz aus.
Das Interesse verwundert nicht, enthält die Route doch weitaus mehr als ein Asphaltband entlang des Fußufers: ein touristisches Angebot mit Übernachtung und Gepäcktransport. Wer will, kann je nach Können und Motivation Pauschalangebote mit unterschiedlichen langen Etappen buchen – oder auch nur eine Reihe von Übernachtungen, die am nördlichen Ende durch das südliche Ostfriesland führen.
Maritime Idylle an Ems und Leda
Enthalten ist die Fahrt durchs Rheiderland, die mehrfache Querung der Ems und der Leda, ehe Touristen in die Stadt Leer einfahren, erst am Hafen entlang und dann durch die Altstadt gelenkt werden. Dort verrät ein Schild bereits das nächste Ziel: Ditzum. „Es geht idyllisch entlang der Ems mit viel flachem Land und Schafen“, schwärmt der Touristiker. Ditzum sei ein „besonderes maritimes Highlight“, das noch ein Schmankerl bietet: die Fährfahrt nach Petkum. Letztes Ziel auf dem Festland ist der Außenhafen in Emden, und wer will, kann dann noch nach Borkum übersetzen. Flaches Land, weite Wiesen mit Kühen, Deiche und viel Wasser vermittelten das „echt ostfriesische Gefühl“, wie Kurt Radtke es ausdrückt. Die Region habe noch einen Vorzug: ein gutes Preis-Leistungsverhältnis.
