Emden/Leer - Beleidigungen, Drohungen, Schläge, Tritte, Bespucken, Kratzen oder Beißen: Regelmäßig liest man von Gewalt gegen Polizeibeamte. Der traurige Höhepunkt waren die Morde an zwei Polizisten am 31. Januar dieses Jahres im rheinland-pfälzischen Kusel. Wie gehen Polizisten damit um? Wir haben bei der Inspektion Leer/Emden nachgefragt:
Wie gehen Polizeibeamte mit Drohungen um ?
Im Laufe der Zeit lerne man, gegen gewisse Anfeindungen eine Toleranzgrenze aufzubauen, heißt es vonseiten der PI Leer/Emden. Manche Dinge höre man, schenke diesen aber keine Beachtung. Beschuldigte, Betroffene oder Verursacher fühlten sich oft unrecht behandelt. Gelegentlich seien auch Drogen oder Alkohol im Spiel.
Doch einige meinen ihre Drohungen ernst. Man müsse ein Fingerspitzengefühl dafür entwickeln, zu erkennen, ob es sich um leere Worte handelt, oder ob Handlungsbedarf besteht. Bei ernst zu nehmenden Fällen werden Strafverfahren eingeleitet. „Wir haben die gleichen Rechte wie alle Menschen und müssen uns nicht alles gefallen lassen“, teilt die PI Leer/Emden mit.
Schwierig werde es, wenn Drohungen Teil des privaten Lebensbereiches werden. Es sei schon vorgekommen, dass Familie und Partner der Kollegen bedroht wurden. In diesen Fällen sei die Rückendeckung durch Kollegen und die Dienststelle sehr groß.
Was passiert, wenn jemand bedroht oder gar verletzt wird ?
Ein Radfahrer sollte kontrolliert werden, flüchtete allerdings. Als er angehalten werden konnte, schmiss er sein Fahrrad in Richtung der Beamten und warf einen Kopfhörer. Anschließend versuchte er mit einem Kettenschloss in Richtung der Beamten zu schlagen.
Ein alkoholisierter Mann sagte zu den Sanitätern, dass er keine medizinische Versorgung benötige. Plötzlich schlug die Stimmung um, er nahm einen auf dem Boden stehenden Einsatzkoffer und warf diesen gegen einen Notfallsanitäter. Der Beschuldigte lief auf den Sanitäter zu und schlug diesem mit der Faust ins Gesicht. Der Sanitäter stürzte auf einen Fahrradständer. Ihm wurde ein Zahn ausgeschlagen. Der Beschuldigte wandte sich nun dem anderen Sanitäter zu und griff diesen an. Er schlug ihm gegen den Unterkiefer. Auch die hinzugezogenen Polizeibeamten wurden angegriffen und beleidigt.
Bei einer Fahrzeugkontrolle ließ der Beschuldigte den Motor mehrfach aufheulen und fuhr schließlich an, sodass der Beamte auf die Motorhaube fiel. Der Beschuldigte erhöhte die Geschwindigkeit. Der Beamte konnte sich zunächst festhalten, rollte dann jedoch über den rechten Kotflügel ab. Ein Reifen überrollte noch seinen Fuß.
Die Personen werden darauf hingewiesen, dass sie aktuell eine Straftat begehen. Meist zeige das keine große Wirkung. Hören die Beleidigungen nicht auf, „werden mögliche rechtliche Konsequenzen erläutert und die Personen werden als Beschuldigte belehrt“. Das Einleiten eines Strafverfahrens sei „oft der erste Schritt in die richtige Richtung“.
Als Streifenteam sei man meistens zu zweit unterwegs. „Wir lernen uns gegenseitig aufeinander zu verlassen und stehen für den anderen ein. Wir verteidigen uns gegenseitig und gemeinsam, wenn es notwendig ist.“ Wird ein Kollege im Einsatz verletzt, seien weitere Polizeibeamte schnell zur Stelle.
Gibt es Schulungen, in denen Polizeibeamte lernen, mit solchen Situationen umzugehen ?
„Wir lernen direkt zu Beginn, dass wir nur für andere Menschen da sein und sie schützen können, wenn wir selbst gesund und leistungsfähig sind.“ Daher sei es eine Grundvoraussetzung, zuerst auf das eigene Wohlergehen zu achten und auf das Wohlergehen des Kollegen.
Als erstes stehen Selbstschutz und die Verteidigung gegen Angreifer auf dem Trainingsplan. Außerdem werden die Einsätze regelmäßig besprochen, um herauszufinden, was man hätte besser machen können und wie man mit der Belastung besser zurecht kommt. „Jeder ist für jeden da, um auch über Belastungen zu sprechen und diese zu verarbeiten.“
Was macht das insbesondere mit jüngeren Polizisten und Polizeianwärtern ?
„Jüngere Polizisten und Anwärter wachsen nicht in Angst und Schrecken in den Beruf hinein. Das ist hier unser Eindruck. Sie erleben vielmehr unseren Zusammenhalt und lernen, dass wir im Vertrauen aufeinander das Bestmögliche aus jeder Situation machen. Gerade zu Beginn achten wir darauf, Teamfähigkeit zu vermitteln“, heißt es vonseiten der PI Leer/Emden.
Wie werden Einsätze vorbereitet und was muss dabei beachtet werden ?
Sollte bei einem Einsatz ein Gefahrenpotenzial vorliegen, werden die Beamten durch die Einsatzleitstelle darauf hingewiesen. Wenn es sich um bereits bekannte Täter handelt, lassen sich diese Personen mit der Zeit mitunter besser einschätzen. Meistens werden mehrere Fahrzeuge geschickt, unter anderem auch, wenn eine Schlägerei gemeldet wird. Wird nach Verstärkung gerufen, sei diese meist innerhalb weniger Minuten vor Ort.
Man müsse jederzeit wachsam und darauf vorbereitet sein, dass auch Unvorhersehbares geschehen kann. Zudem sei es wichtig, sich fit zu halten, um allen Einsatzlagen gerecht werden zu können. Auch die Einsatzmittel wie Schutzwesten müssen regelmäßig überprüft werden.
Wie ist der Rückhalt aus der Gesellschaft ?
„Bei all den negativen Erfahrungen ist es dennoch so, dass die ganz große Breite der Gesellschaft hinter der Polizei steht“, heißt es. Die Beamten der PI Leer/Emden seien infolge der Morde in Kusel oftmals proaktiv von Bürgern angesprochen worden, die sich „für unsere Arbeit bedankt haben“. Das motiviere und helfe dabei, mit den negativen Begleiterscheinungen klar zu kommen. Gleichwohl habe die Tat in Kusel gezeigt, dass „wir aufeinander aufpassen müssen und eine Grundskepsis angebracht ist. Solche Ereignisse gehen natürlich nicht spurlos an uns vorbei“.
